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"Sí se puede" oder "Yes we can": Edison Peña, als zwölfter Kumpel gerettet, bei einem Triathlon in Chicureo, Chile.

Foto: epa/Danny Alveal

In der Mine von San José 69 Tage verschüttet, lief Edison Peña täglich bis zu zehn Kilometer durch die dunklen Gänge. Seit er befreit wurde, geriet sein Leben zur emotionalen Hochschaubahn, erzählte er Claudio Pizarro in Chile.

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STANDARD: Als Sie aus der Mine herauskamen, haben Sie geschrieen "Das darf nie wieder passieren". Wer trug für die Bergwerkskatastrophe in San José die Verantwortung?

Peña: : Sebastián Piñera (Anm.: Chiles Präsident) trägt nicht die Schuld daran. Die Sicherheitsinspektoren sind schuld, sie hatten Samthandschuhe an. Es war so, als ob man vom eigenen Bruder überprüft werden würde. Das darf nie wieder geschehen. Es gibt viele Bergwerke, wo es so zugeht, aber wir müssen arbeiten und unsere Familien ernähren.

STANDARD: Was führte zu solchen Missständen?

Peña: : Das Geld. Es gibt gewisse Unternehmer, die das wieder versuchen werden. Ich will nicht behaupten, dass alle Regierungen korrupt sind, aber man darf sich schon fragen, warum solche Sachen geschehen können. Es ist wegen des dreckigen Geldes und wir, die Arbeiter, sind dabei die Dummen. Dabei verdient man beschissen wenig Geld. Wenn Sie einen Bergmann fragen, wo er arbeitet, wird sich zeigen, dass seine Bedingungen schlechter sind, als es unsere waren. Wir sind das Kanonenfutter, und wir spielen mit.

STANDARD: Haben Sie sich inzwischen etwas erholen können?

Peña: : Bis jetzt war noch nicht einmal Zeit, in Ruhe ein Bier zu trinken. Ich würde gern Urlaub machen, aber ich habe viele Verpflichtungen, die ich lieber nicht hätte.

STANDARD: Wie schaut es mit den Einladungen aus? Finden Sie sich da noch zurecht?

Peña: : Auf einige davon bin ich ja recht stolz. Matías Brain (Anm.: ein chilenischer Triathlet) hat mir angeboten, mich für den Marathon in New York zu trainieren, zu dem ich eingeladen bin. Eine Cousine von mir ist Lehrerin und die schaut sich jetzt alles an, was die Leute von mir wollen. Ich gehe das bescheiden an, ich warte nicht, bis man mir bequeme Schuhe schenkt, sondern ich fange mit denen an, die ich habe. Und wenn es notwendig gewesen wäre, barfuß zu laufen, hätte ich es auch getan. Das ist die Botschaft: Man kann es tun. In der Mine bin ich gelaufen, um nachdenken zu können, um den Kopf frei zu bekommen. Ich bin ja ein realer, einfacher Mensch, keine Erfindung. Und es ist mir eben eingefallen, da unten ohne Licht zu laufen, auch wenn es verrückt klingt.

STANDARD: Wie haben Sie das gemacht? Wie eine Fledermaus?

Peña: : Ich war irgendwie erleuchtet - Gott war bei mir. Ich habe einen starken Glauben, Gott hat mich nie verlassen. Ich habe da in der Mine eine Kraft aus meinem Inneren gespürt. Ich will nicht, dass man das ins Lächerliche zieht. Meinen Compañeros habe ich gesagt, dass ich darüber sprechen werde. Unabhängig von den offenen rechtlichen Fragen haben wir bereits mit unserer Befreiung gesiegt.

STANDARD: Was waren die schwierigsten Momente in der Mine?

Peña: : Ich dachte, dass ich sterben werde. Jetzt kann ich wieder Elvis Presley hören und ich bin allen dankbar, die sich um mich gesorgt haben. Aber die große Schuld liegt darin, wenn Inspektoren Geld nehmen. Ich kann nicht behaupten, dass jemand bestimmter bezahlt worden ist, aber das geschieht doch überall.

STANDARD: Glauben Sie, dass auch Bestechungsgelder geflossen sind, damit die Mine nicht aus Sicherheitsgründen auf Dauer geschlossen blieb?

Peña: : Wie wäre sie sonst weiter betrieben worden? Mit Geld geht alles. Das kann doch jederzeit wieder geschehen.

STANDARD: Meinen Sie, dass sich Menschen bei dieser Tragödie für ihre eigenen Vorteile bei den 33 Geretteten angehängt haben?

Peña: : Nein, aber manche machen sich lustig über uns, und das ärgert mich. Wenn jemand meine Compañeros zum Gespött macht, bin ich imstande, ihn zu verprügeln.

STANDARD: Worauf spielen Sie an?

Peña: : Da tauchen Leute auf, die vorgeben, uns helfen zu wollen, ohne es wirklich zu tun. In zwei Monaten werde ich wohl als Elektriker Gelegenheitsarbeiten verrichten. Man wird sich irgendwann nicht mehr an uns erinnern.

STANDARD: Was hat Sie persönlich am meisten betroffen?

Peña: : Dass man mich nicht in Ruhe lässt. Ich hatte ja geglaubt, dass ich nie wieder heraufkommen würde. Ich dachte, dass da oben einiges unerledigt geblieben ist, persönliche Angelegenheiten, die ich ändern wollte. Ich wollte mit meiner Familie und bei meinen Freunden beisammen sein, und jetzt stelle ich fest, dass ich großartige Freunde besitze, die für mich gebetet haben.

STANDARD: Was sind Ihre Schlussfolgerungen aus dem Drama?

Peña: : Dass es Hoffnung gibt, dass Gebete helfen können und dass ich weiter trainieren werde. Die Sportanhänger mögen mich, obwohl ich noch nie etwas gewonnen habe. Wenn ich an einem Marathon teilnehme, werde ich wohl der Fünfhundertste werden, aber das Wichtigste ist es, anderen ein Beispiel zu geben. Ich bin dem Tod entkommen, ich habe den Tod ausgetrickst. Aber damit werde ich selbst nichts gewinnen. Andere Leute werden den Gewinn daraus ziehen.  (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2010)