Im Gespräch erklärt die Genetikerin, was darunter zu verstehen ist und warum sich das an Pflanzen so gut studieren lässt.

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Standard: Als man vor zehn Jahren das menschliche Genom entschlüsselte, glaubten viele, nun das Buch des Lebens zu kennen. Dem scheint aber nicht so zu sein.

Mittelsten Scheid: Es ist richtig, dass die damaligen Hoffnungen etwas überzogen waren. Damals ging man indes auch noch davon aus, dass man mit DNA, RNA und Proteinen bereits alle genetischen Basiselemente kennen würde. Mittlerweile kam als viertes Element noch die ganze epigenetische Information dazu. Diese Entdeckungen bedeuten aber nicht, dass das Genomprojekt nicht sehr wichtig und richtig gewesen wäre.

Standard: Was sind epigenetische Informationen?

Mittelsten Scheid: Das sind, ganz einfach formuliert, Informationen über das An- oder Abschalten der Gene, die nicht in der Sequenz, aber in der Verpackung der DNA festgelegt sind. Und manche dieser epigenetischen Veränderungen können an Tochterzellen oder auch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Standard: Wie stabil sind diese Veränderungen?

Mittelsten Scheid: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt viele Beispiele, wo diese Veränderungen in der nächsten Generation wieder verschwinden. Aber man kennt mittlerweile auch etliche epigenetische Modifikationen, die über viele Generationen stabil bleiben. Ein Beispiel sind die sogenannten Paramutationen bei Mais, die die Färbung der Körner dauerhaft verändern.

Standard: Sie untersuchen epigenetische Phänomene an der Pflanze Arabidopsis. Warum?

Mittelsten Scheid: Es mag überraschen, aber höhere Pflanzen sind im Hinblick auf ihre epigenetische Ausstattung Säugetieren sehr viel ähnlicher als Modellorganismen wie etwa die Fruchtfliege oder der Fadenwurm. Und man verfügt mit Arabidopsis über eine ganze Werkzeugkiste natürlicher und im Labor erzeugter Varianten.

Standard: Lässt sich dabei auch etwas für den Menschen lernen?

Mittelsten Scheid: Im Prinzip ja, und viele epigenetische Prinzipien sind zuerst an Pflanzen entdeckt worden. Trotzdem ist dieser Bezug als Rechtfertigung für die Pflanzenforschung ziemlich unnötig, da unsere Forschungen allein für Fragen der Pflanzenzüchtung spannend genug sind. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10. 2010)