Während sich die Kriege des vergangenen Jahrhunderts oft um Öl drehten, wird es in den Kämpfen des 21. Jahrhunderts um Wasser gehen, so die viel zitierte Prognose des Weltbank-Vizepräsidenten Ismail Serageldin. Bis 2025 werden Schätzungen zufolge mehr als 800 Millionen Menschen mit unzureichender Wasserversorgung leben. Der dadurch entstehende Handlungsbedarf verspricht einen gewinnträchtigen Markt. Dass dies ein Magnet für multinational agierende Konzerne und Grund für die weltweit betriebene Privatisierung der Wasserversorgung ist, kann man sich ausrechnen.

Die indische Physikerin und Agrarwissenschafterin Vandana Shiva - Inhaberin des alternativen Nobelpreises - hat gerechnet. Sie konfrontiert in ihrem Buch über "Wasserkriege" die konkurrierenden Positionen im Streit um Zugänglichkeit und Reinheit des "blauen Goldes". Die Vertreter des Marktparadigmas argumentieren, dass Wassermangel Resultat des fehlenden Wasserhandels sei und beim Verkauf über freie Märkte automatisch in Mangelregionen fließen würde. Wobei die dadurch entstehenden höheren Preise einen sorgsameren Umgang mit sich brächten. Da die Ursachen der Wasserkrise aber mit dem gestörten Wasserkreislauf zusammenhängen, der für Shiva der "gravierendste Aspekt der ökologischen Zerstörung der Erde" darstellt, ist die Einäugigkeit des Marktparadigmas offensichtlich.

Nachhaltigkeit, ökonomisches Umdenken, ökologische Demokratie tun Not: Das ist die Gegenposition, die die Autorin darstellt und auch vertritt: Es gelte, die Ursachen der Verschmutzung und Verschwendung aufzuheben, Wasser wieder als Allgemeingut zu betrachten und der privaten Verwertung zu entziehen - und ihm einen mehr als nützlichen Status beizumessen. Mit einem Plädoyer schließt das Buch: mit dem Glauben an Remythologisierung, Resakralisierung, der Besinnung darauf, dass Wasser einst auch den Wert des Heiligen verkörperte und wieder sollte. Eine ausführliche Bibliografie ergänzt den Band. (Martin Poltrum/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 5. 2003)