Paris - Diesmal hat Bernard Comment nur fünf Minuten Verspätung. In dem Bistro des Pariser Literatenviertels Saint-Germain-des-Prés kommt der 50-jährige Verleger sofort zur Sache. Begonnen habe alles mit Lou Reed, meint er. Der amerikanische Rockstar habe, als er ihn vor zwei Jahren wegen eines Buchprojekts in Paris besucht habe, einem Dîner anlässlich der Pariser Kunstmesse Fiac beiwohnen wollen. Sie kamen neben den Produzenten Stanley Buchthal zu sitzen, und dieser erzählte ihm von Anna Strasberg, die den Nachlass von Marilyn Monroe verwalte und von der Schauspielerin noch "einige Papiere" habe.

Sie suche einen "guten" Verlag, meinte Buchthal - einen, dem es nicht ums Geld gehe. Ein US-Verleger habe ihr einen offenen Scheck für die MM-Daten geboten - den habe sie kurzerhand auf die Straße gesetzt. Comment, beim Pariser Verlag Le Seuil für die Literatursparte zuständig, erwiderte, er habe ohnehin kein Großbudget, aber umso mehr Interesse.

Drei Monate später läutete Comment an einer Wohnungstür neben dem Central Park. Er war zwanzig Minuten zu spät und sorgte sich um den Eindruck, den dies auf Nachlassverwalterin Strasberg machen würde.

Die 71-jährige Witwe des Schauspiellehrers Lee Strasberg schmunzelte nur: Marilyn sei im Actor's Studio auch immer verspätet eingetroffen und habe sich mit den Worten entschuldigt, sie habe immer zwanzig Minuten Verspätung. Da habe Lee geantwortet: "Dann kommen Sie in Zukunft zwanzig Minuten zu früh." Comment erhielt Einblick in einen Ordner voller Papiere, die mit Monroes Namen oder Kürzel gezeichnet waren. Anna Strasberg ließ ihn kurz Einblick nehmen und erklärte, sie suche in erster Linie einen "motivierten" Verleger.

Von einem zweiten Treffen in New York kehrte Comment bereits mit einem externen Laufwerk zurück, das er während des ganzen Flugs in seiner Westentasche trug: Monroes sämtliche Privatnotizen waren darauf gescannt. Ein Jahr lang arbeitete sich Comment durch Hotelbriefpapier und karierte Einzelzettel, durch Spiral- und andere Hefte, maschinen- und handgeschriebene Briefe.

Nichts Hingeworfenes

Nichts davon war für die Nachwelt bestimmt. "Darin liegt die Stärke dieser Dokumente" , meint der Seuil-Verleger. "Die Marilyn-Biografien stecken voller Fehler, und ihre eigenen Erinnerungen waren auch beschönigt. Unsere Sammlung zeigt die wahre Marilyn. Die Leser sehen nicht von außen die neben der Mona Lisa am meisten angeschaute Frau der Welt, sie sehen die Welt erstmals wirklich mit Marilyns Augen."

Gerade deshalb stellt sich aber die Frage, ob die Veröffentlichung von Material, das nie zur Veröffentlichung bestimmt war, nicht einen unzulässigen Einbruch in die Intimität des Filmidols darstellt. "Eine legitime Frage" , bekennt Comment und zählt die Gegenargumente auf: "Erstens ist, was jemand niederschreibt, nicht einfach hingeworfen wie etwas Gesagtes. Zweitens ist dieses Buch 48 Jahre nach ihrem Selbstmord erschienen. Und es enthält keinerlei Klatsch, nichts Belangloses, keine intimen oder schamlosen Details. Es enthüllt vielmehr die seelische Tiefe einer Frau, der man das Klischee einer blonden Sexbombe oder eines strahlenden Dummchens andichtete."

"Ich war fasziniert, berührt. Wenn man Marilyns Gedanken und Gedichte liest, hat man fast den Wunsch, sie in die Arme zu nehmen und ihr Mut zuzusprechen." Aus allem spreche eine gewaltige Einsamkeit, die Panik vor dem nächsten Drehtermin, der Kampf um ihre "emotionelle Stabilität" , wie sie es genannt habe, und eine große Neugier nach Büchern und Kunst. Dies alles werde ungefiltert wiedergegeben - zuerst mit dem Faksimile, daneben auf der Transkription. Ein Kochrezept werde da fast so aufschlussreich wie ein aufnotierter Traum, in dem Marilyn von ihrem Mentor Lee Strasberg operiert wurde, bis Sägemehl aus ihrem Bauch quoll.

Für die französische Ausgabe wählte Comment den Buchtitel Fragments - was auch etwas nüchterner klingt als der deutsche Titel Tapfer lieben (Fischer Verlag). Das Wichtigste war aber für ihn, dass sich alle ausgewählten Verlage, die das Werk nun in einem Dutzend Sprachen zeitgleich herausbringen, den Inhalt der Notizen und nicht die alten Klischees bedienten. Die Fertigstellung der französischen Ausgabe kündigten sie über ein dürres Pressekommuniqué an. "Eine halbe Stunde später rannten uns die Verlage aus der ganzen Welt die Tür ein" , so Comment. "Da wurde mir bewusst, welch ungeheure Wirkung der Name Marilyn Monroe immer noch auslöst." (Stefan Brändle, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Oktober 2010)