Bild nicht mehr verfügbar.

Der Stoff des Anstoßes: Der türkische Staatschef Abdullah Gül hat sich im Kopftuchstreit deklariert. Als der deutsche Präsident kam, war erstmals seine Frau Hayrünnisa neben Bettina Wulff dabei

Foto: AP/Burhan Ozbilici

In türkischen Hörsälen greift in diesen Tagen mancher Dozent zum Mobiltelefon und fotografiert seine Studentinnen. So geschehen etwa an der Biologie-Fakultät der Istanbul-Universität, wo eine Studentin von mittlerweile 15 Aufnahmen berichtete, die ihr Professor ohne ihr Einverständnis gemacht hatte. 180 Mitstudenten im Saal haben dabei zugeschaut. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie der Streit um das Kopftuch in der Türkei nun ausufert, nachdem der Hochschulrat augenscheinlich im Alleingang Ende September das Verbot von "Türban" oder "Basörtü", wie das Kopftuch genannt wird, gekippt hatte.

Anlass für die Fotografierwut ist eben dieses Kopftuch-Schreiben des türkischen Hochschulrats YÖK an die Rektoren. Darin steht: Hochschullehrer dürfen Studenten wegen disziplinarischer Verstöße nicht mehr vom Unterricht ausschließen; das Wort "Kopftuch" kommt wohlweislich gar nicht vor. Die Dozenten können dafür ein - folgenloses - Protokoll anlegen und gern auch "visuelle Dokumente" beilegen.

Die Lehrerschaft ist gespalten. Er tue nur seine Pflicht mit den Fotos, wenn auch ungern, meinte ein Dozent. Er sei doch kein Polizist, sagte ein anderer Professor der liberalen Tageszeitung Radikal und machte gleichzeitig seinem Ärger Luft: "Wozu hat der YÖK überhaupt diese Entscheidung getroffen? Entweder bleibt das Kopftuch verboten oder jeder hat die Freiheit, es zu tragen."

An einer anderen Universität in Istanbul flogen die Fäuste: Eine linksgerichtete Studentengruppe entrollte vergangene Woche ein Transparent, auf dem zu lesen stand: "Freiheit für die Frauen, sagt Nein zum Kopftuch an den Universitäten." Nur Minuten später waren sie in einer Schlägerei mit konservativen Kommilitonen verwickelt.

Neuer Konsens

Es sind kleine Vorfälle, die weit entfernt sind von den Massendemonstrationen der Gegner und Befürworter des Kopftuchs, die vor zwei Jahren die Türkei spalteten. Damals hatte die konservativ-muslimische Regierungspartei AKP das Kopftuchverbot per Gesetz aufgehoben, war dann aber am Höchstgericht gescheitert. Mittlerweile, so die Einschätzung eines Großteils der politischen Beobachter, hat sich der gesellschaftliche Konsens weiterentwickelt. Auch die säkulare Oppositionspartei CHP hat eingesehen, dass das Kopftuchverbot für Studentinnen eher als Bevormundung, denn als Befreiung verstanden wird. Ein gemeinsamer Versuch der Parteien, die Kopftuchfrage zu lösen, ist aber versandet. Premier Tayyip Erdogan will das Thema nun gern auf die Zeit nach den Parlamentswahlen im Juni 2011 vertagen.

Denn es macht sich auch Unbehagen vor der weiteren Entwicklung der Kopftuchgesellschaft breit. Seit Tagen versuchen Regierungspolitiker eine Debatte über das Ende des Kopftuchverbots an Schulen einzudämmen, nachdem Zwölf- und 13-Jährige in Adana, Mersin und Diyarbakir im Süden der Türkei mit einem "Türban" im Unterricht auftauchten. Familienministerin Nimet Çubukçu sprach von "Provokationen". Mustafaz-Der, eine mittlerweile verbotene, aber durchaus aktive islamistische Gruppe, hatte die Familien aufgefordert, die Kinder mit Kopftuch in die Schule zu schicken.

Emine Erdogan selbst Opfer

Die Erfahrung vieler junger Frauen, die unter Zwang das Kopftuch umlegten, wird die Regierung nicht länger ignorieren können. Denn schließlich kam heraus, dass auch Erdogans Frau Emine einst von ihrem ältesten Bruder gezwungen wurde, das Kopftuch zu tragen. "Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte", erzählte ihr anderer Bruder Hasan Gülbaran der Tageszeitung Milliyet. "Es war falsch."

Staatschef Abdullah Gül schafft derweil Fakten. Beim Empfang für den deutschen Präsidenten in Ankara vergangene Woche nahm er erstmals seine Frau Hayrünnisa mit auf den roten Teppich. Zum Nationalfeiertag heute, Freitag, wird er nur noch einen Empfang ausrichten und nicht mehr zwei wie in den letzten Jahren - einen mit und einen ohne Kopftuch-Frauen. Der Generalstab kündigte schon seine eigene Party an. (Markus Bernath aus Istanbul, STANDARD-Printausgabe, 29.10.2010)