An der Wortwahl und an der Vielzahl der Widersprüche zwischen den Staatenlenkern lässt sich gut ablesen, ob bei einem EU-Gipfel viel auf dem Spiel steht. Ein zusätzlicher Hinweis sind die jeweiligen Interessenkonstellationen der Länder. So besehen kann das Herbsttreffen der Staats- und Regierungschefs als außerordentliches und wichtiges Ereignis eingeordnet werden. So schrill wie diesmal war es schon lange nicht.

Kein Zufall auch: Hinter alldem medialen Lärm geht es um die Zukunft des Euro samt angeschlossener künftiger Wirtschafts- und Finanzunion: Bleibt er eine harte Währung, oder wird daraus "politisches Geld"? Drei Punkte sind dabei besonders auffällig.

Erstens: Wohl noch nie war ein deutscher Regierungschef so isoliert, wie es Kanzlerin Angela Merkel mit ihren Vorstellungen zu jenen Vertragsänderungen ist, die die Stabilität des Euro (letztlich den Erhalt der Union) garantieren sollen. Nur Frankreich steht hinter ihr, nicht aber die kleinen Länder, um die sich Deutschland sonst besonders kümmert. Auch Österreich oder die Niederlande nicht, die mit ihrer Tradition jedes Interesse daran haben müssten, dass strikte Stabilitäts- und Haftungsregeln erhalten bleiben bzw. geschaffen werden.

Zweitens: Selten haben Vertreter der Staaten, der EU-Kommission und des EU-Parlaments so deftige Worte für einen deutschen Kanzler gefunden: "selbstmörderisch", ein "deutsch-französisches Diktat", "absolut nicht akzeptabel", "nicht realistisch". Erstaunlich. In der Vergangenheit war es (fast) immer Deutschland, das in Krisen mit Realismus und Milliarden an D-Mark Lösungen brachte - und nicht noch mehr Probleme.

Drittens: Diese Reaktionen sind umso erstaunlicher, als nichts von dem, was Merkel zur Verbesserung des Systems der Eurokrisenbewältigung vortrug, wirklich neu ist: weder die grundsoliden Vorschläge zur Verschärfung des Stabilitätspaktes, die eine Taskforce vorlegte, noch Merkels Überzeugung, dass der EU-Vertrag geändert werden müsste, damit der Eurorettungsschirm von 750 Milliarden Euro EU-kompatibel wird und - entscheidend - auch vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe Bestand hat.

Schließlich sollen auch die Banken zur Kasse gebeten werden können. Gleiches gilt für die Idee, dass einzelnen EU-Staaten, die alle EU-Regeln notorisch und dauerhaft brechen, das Stimmrecht entzogen werden kann. Seit Monaten ist das in Diskussion.

Es muss also etwas anderes sein, warum die Reaktionen so heftig ausfallen: Nicht der Inhalt ist daneben, sondern der Stil des Vorgehens. In der Tat war es nicht sehr geschickt von ihr, zuerst den Kompromiss mit Frankreich zu suchen, ohne die kleinen Partner einzubinden und Sicherheit zu geben. Merkel hätte es genau umgekehrt machen müssen: Das Nachgeben gegenüber dem großen Gegenspieler im Euro hätte erst ganz am Schluss erfolgen dürfen, so wie das beim Stabilitätspakt 1996 gelaufen ist.

Das ändert aber nichts daran, dass Merkel in der Sache völlig recht hat. Konsequenter als alle anderen Länder drängt Deutschland darauf, die richtigen Lehren aus der Euro- und Finanzkrise zu ziehen. Die Gemeinschaft muss Mitglieder notfalls hart an die Leine nehmen können, um ein zweites Griechenland zu verhindern. Da das in den Verträgen nicht geregelt ist, muss es ergänzt werden, und zwar nicht am Bürger und Wähler (und an Volksabstimmungen) vorbei, sondern offen, offensiv. Dafür lohnt sich der Streit.(Thomas Mayer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 29.10.2010)