Die Regierung hat sich in Loipersdorf auf Dinge geeinigt, die in der Realität der Studierenden dramatisch sind. Davon scheint insbesondere die SPÖ keine Ahnung zu haben. Die ÖVP weiß wahrscheinlich sehr genau, was sie damit anstellt und freut sich darüber einen Haxen aus.

Diese Familienbeihilfekürzung könnte ähnlich schlimme (wenn nicht noch schlimmere) Folgen haben wie die Einführung der Studiengebühren. Viele Leute werden ihr Studium abbrechen müssen, da diese 152,70 Euro pro Monat oft den Unterschied zwischen "Ich kann mir mein Leben leisten" und "Ich kann mir mein Leben nicht mehr leisten" machen.

Laut der neuesten Sozialerhebung haben Studierende durchschnittlich 980 Euro (inklusive Naturalienleistungen!) pro Monat zur Verfügung. Fallen davon 152,7 Euro weg, dann ergibt das 827,3 Euro. Hinzu kommt der Kinderabsetzbetrag von 58,40 Euro, der an die Familienbeihilfe gekoppelt ist.

Damit würden sehr viele Studierende schlagartig unter die Armutsgrenze fallen. Anstatt junge Menschen bei ihrem Bildungsstreben zu fördern, werden sie bestraft. Nicht alle wohlgemerkt, sondern sozial schwache, denen der Zugang zu Bildung immer mehr verwehrt wird.

Der größte Selektionsmechanismus ist die Matura. Dank der unglaublichen Borniertheit der Bildungspolitik der letzten 30 Jahre entscheidet über Gymnasium und Matura oder nicht nach wie vor der Kontostand der Eltern.

Auf der Uni geht es munter weiter. Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren (die für viele Studierende weiter gelten), überfüllte Hörsäle, ein marodes Stipendiensystem und der Zwang, nebenbei arbeiten zu müssen, machen es Studierenden aus sozial schwachen Familien sehr schwer.

Studieren oder Abbrechen

Jetzt kommen SPÖ und ÖVP daher und präsentieren die Kürzung der Familienbeihilfe als sozial gerecht. Man verzeihe mir die Frage, aber geht's noch? Ist die SPÖ bereits so abgehoben, dass sich dort niemand vorstellen kann, dass die Existenz von Leuten von der Beihilfe abhängt, dass sie über Studieren oder Abbrechen entscheidet? Oder sind der SPÖ die Unis egal, weil dort eh nur reiche Bonzenkinder studieren, die das nicht juckt?

Die ÖVP betreibt Klassenkampf von oben. Und zwar vom Feinsten. Es wird wirklich Zeit, dass sich die SPÖ dem stellt und nicht alles schulterzuckend hinnimmt.

Besonders verbunden mit der neuen Zugangsbeschränkung, die im Orwell'schen Neusprech Zugangsregelung heißt und sich "Studieneingangs- und Orientierungsphase" (STOP) nennt, ist die jetzige Situation besonders perfide. Diese Art der Beschränkung prüft Leute nach einem halben oder einem ganzen Semester raus. Die haben dann frei nach dem Motto "Das Leben ist halt nicht fair" einfach ein Semester verhaut und können ja dann was anderes studieren. Und schon ist der oder die Betroffene ein Semester näher der Familienbeihilfegrenze.

Unmöglicher Zeitplan

Fangen Studierende also mit 18 Jahren an, dann haben sie 12 Semester Familienbeihilfenbezug vor sich. Sechs davon gehen mindestens für den Bachelor drauf. Solange die Universitäten nicht ausfinanziert sind, ist es aber de facto unmöglich, in Mindeststudienzeit zu studieren. Nicht nur die schlechten Studienbedingungen tragen dazu bei - 60,3 Prozent der Studierenden arbeiten während des Semesters durchschnittlich 19,7 Stunden pro Woche. Diese Zeit fehlt am Ende des Semesters.

Durch nicht angepasste Masterstudienpläne gehen beim Umstieg Bakk-Master oft ein, manchmal sogar zwei Semester verloren. Dann kommt der Master mit vier Semestern. Eigentlich fünf, denn die meisten schreiben im fünften Semester ihre Master-Arbeit. Hier zeigt sich, dass sich der Familienbeihilfebezug hinten und vorn nicht ausgeht. Dabei war noch gar nicht die Rede von Doppelstudium oder Auslandssemester, die auch oft mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Mindeststudienzeit. Auch an ein Medizinstudium ist hier noch nicht gedacht, welches mindestens 12 Semester dauert. Wenn ein Wartejahr hinzukommt (was wahrscheinlich ist) bekommt man das letzte Jahr keine Familienbeihilfe mehr.

Höhere Bildung wird also wieder zum Privileg der Reichen. Alles, was Hertha Firnberg 1975 erreicht hat, ist nun endgültig zerstört worden. Die SPÖ ist zu schwach oder zu dumm, sich gegen die ÖVP zu wehren, und die Leidtragenden sind Studierende aus sozial schwachen Schichten.

Herr Faymann, "liebe" rote Regierungsmitglieder: Verhandeln dürfte nicht zu euren Stärken zählen. 80 Millionen mehr für die Unis sind ein Witz, damit ist nicht eine einzige Uni ausfinanziert. Eine Milliarde hätte es gebraucht.

Bleibt also nur die Feststellung, dass die Studierenden der SPÖ egal sind, während die ÖVP munter an einer Uni für ihresgleichen bastelt. Schöne neue Welt. (Natascha Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2010)