Die Bahn bringt's. Zumindest hofft Gary Pippan, ÖBB-Sprecher für den Bereich Wien und Burgenland, dass der Werbeslogan auch am Dienstag stimmen wird. Nicht dass Pippan Zweifel daran hätte, dass sein Unternehmen den voraussichtlich deutlich größeren Kundenzustrom zum voraussichtlich einzigen am Dienstag in Wien verkehrenden öffentlichen Schienenverkehrsmittel - der Schnellbahn - bewältigen können wird. ("Wir schaffen das. Ohne Sonderzüge einzuschieben", ist Pippan betont selbstbewusst.) Was den Unternehmenssprecher aber irritiert, ist, dass er zu wenig weiß, um verbindliche Versprechen oder Prognosen abgeben zu können: "Bisher habe ich nichts Derartiges gehört. Aber ich weiß nicht, ob unsere Gewerkschafter nicht vielleicht auch über einen Streik nachdenken."

Fix ist nur: Pippan wird am Dienstag zur Arbeit erscheinen - und einen längeren Weg einplanen: Als Pendler wird für ihn - wie für viele andere - am Südbahnhof "Endstation" sein. "Dann werde ich in die Zentrale in der Elisabethstraße zu Fuß gehen. Autofahren ist sicher sinnlos."

Die Frage, wer am Dienstag wann, wie - oder ob überhaupt - in Wien an seinem oder ihrem Arbeitsplatz ankommen wird, beschäftigt aber längst nicht nur ÖBB-Mitarbeiter: Die Austria Trend Hotels etwa bieten Pendlern Sondertarife (ab 50 Euro pro Zimmer und Frühstück) in der Nacht zum Dienstag an.

Das Chaos, das der Vormittagsstreik der Wiener Linien in Wien auslösen könnte, lässt sich bisher nur erahnen: Allein in der Frühspitze sind hier täglich rund 300.000 Fahrgäste unterwegs. Inklusive Umsteigen dürften 700.000 innerstädtische Fahrten entfallen. Allein um die Fahrgäste eines voll besetzten U-Bahn-Zuges (rund 900 Personen) aufzunehmen, bedürfte es etlicher Reisebusse - wo die auf den wohl mehr als nur leicht überfüllten Straßen Platz finden sollen, steht in den Sternen.

Taxi fahren dürfte da auch wenig bringen. Zwar werden bis zu 85 Prozent der - insgesamt 3950 - Wiener Taxis auf den Straßen sein, und die Funkzentralen wollen am Dienstag ihr Personal verdoppeln. Bloß: Wer im Taxi sitzt, hat noch keine Garantie, damit auch weiterzukommen. Sinnvoller dürfte es sein, es einspurig zu versuchen. Auch Wiens Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker (SP) empfiehlt Motorrad oder Moped - oder aber das Fahrrad.

Freilich: So einfach ist auch das nicht immer. Nicht nur, weil so manches Hinterhof-Rost-Ross vor einer Inbetriebnahme ein ordentliches Service bräuchte, wie Fahrradhändler warnen. Auch wegen der Radfahrer selbst: So vorausschauend wie Josefine Z., die am Sonntag den Schulweg per Rad mit ihrer zehnjährigen Tochter üben wird, dürften nur wenige sein. Der Radverleiher auf der Floridsdorfer Brücke, Johann Aschauer, warnt Ungeübte davor, sich "ausgerechnet an diesem Tag in den Verkehr zu stürzen." Bisher habe er aber auch erst eine Streikreservierung. Für ein Rad mit Kindersitz. Wie der Ausleiher am Dienstag zum Radverleih kommen will? "Angeblich mit dem eigenen Rennrad. Das lässt er bei uns - weil da halt kein Kindersitz draufpasst."(Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.5.2003)