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Der Druck auf Berlusconi wegen seiner privaten Eskapaden wird größer.

Foto: EPA/Ferrari

Erst Ruby, dann Nadia: Noch ist die Affäre des Cavaliere mit der 17-jährigen Marokkanerin Ruby nicht ausgestanden, da fällt schon der nächste Schatten auf den obersten Frauenhelden der Nation. Das 28-jährige Escort-Girl Nadia Macrì eröffnete der Staatsanwaltschaft Palermo, sie sei 2009 und 2010 mehrmals zu Gast in Villen des italienischen Regierungschefs gewesen und für ihre Dienste "mit je 5000 Euro und kleineren Geschenken" honoriert worden.

Klatsch-Spalten füllen sich

Italiens klatschsüchtige Medien können dieser Tage aus dem Vollen schöpfen: vom "Bunga Bunga"-Tanz der minderjährigen Marokkanerin in Berlusconis Luxusvilla in Arcore bei Mailand bis zu Rotlichtpartys an der Costa Smeralda mit Drogenkonsum - die seichten Dekameron-Schilderungen füllen ganze Seiten. In der sardischen 200-Millionen-Villa seien Partyteilnehmer ausgiebig mit Haschisch versorgt worden, das mit Berlusconis Privatjet eingeflogen worden sei, wusste Macrì zu berichten. Der Premier selbst habe jedoch keinen Joint geraucht. 

"Ich liebe die Frauen"

Dass bei all diesen lasziven Storys auch ein gutes Quantum Fantasie mit im Spiel ist, scheint unbestreitbar. In anderen Ländern würde freilich bereits ein Bruchteil dieser Exzesse für einen Rücktritt reichen. Berlusconi hat sich dagegen nichts vorzuwerfen. "Besser Frauenheld als schwul", verkündete der Regierungschef am Dienstag schmunzelnd: "Ich liebe die Frauen, und niemand wird mir meinen Lebensstil abgewöhnen können."

Die anrüchigen Partygeschichten verweist er ins Reich der Fantasie. Dass er nach Mitternacht im Mailänder Polizeikommissariat anrief, um die Freilassung der wegen Diebstahls festgenommenen Marokkanerin zu erwirken, bestreitet der Cavaliere jedoch keineswegs: "Ich bin gutherzig, und wenn ich jemandem helfen kann, tue ich das gerne."

Das Rechtsblatt Libero klagt: "Es ist schwierig, jemanden zu unterstützen, der keinerlei Einsicht zeigt." In einem Interview äußerten am Mittwoch mehrere Mitglieder der umfangreichen Leibgarde des Cavaliere ihren Unmut über die "häufigen Frauentransporte" in dessen Villen. Am Wochenende müssten sie "ganze Kleinbusse" nach Arcore karren: "Eine Schande." "Berlusconi ist krank und außer Kontrolle", diagnostiziert die katholische Wochenzeitung Famiglia Cristiana. Die Präsidentin des Industriellenverbandes, Emma Marcegaglia, übt scharfe Kritik: "Das Land ist gelähmt, die Regierung abwesend, die Institutionen haben jede Würde verloren."

In der Partei gärt es

In der Regierungspartei gärt es. Am Mittwoch wechselten drei weitere Parlamentarier vom Popolo della Libertà zur Partei Gianfranco Finis. Damit ist die Regierung nun auch im Senat von Berlusconis Widersacher abhängig. Dessen Partei will bei ihrem ersten offiziellen Auftritt am Wochenende entscheiden, ob sie Teil der Koalition bleiben oder den Premier in Zukunft nur noch von außen unterstützen wird.

"Ich verabscheue diese Schmeichler"

Am Samstag gründete Berlusconis sizilianischer Statthalter Gianfranco Miccichè eine Art Lega des Südens. Zu den vielen, die sich vom Regierungschef abwenden, gehört sein erster Justizminister Alfredo Biondi: "Ich verabscheue all diese verdummten Schmeichler, die täglich das Loblied des Cavaliere anstimmen." (Gerhard Mumelter, DER STANDARD Printausgabe, 4.11.2010)