Brüssel - Die EU-Kommission geht im Streit über die Lieferung von Siemens-Zügen für den Ärmelkanaltunnel einer Beschwerde des französischen Rivalen Alstom nach. Der Industriekonzern habe auf einige Punkte hingewiesen, die eine weitergehende Untersuchung rechtfertigten, hieß es am Donnerstag in EU-Kreisen. Noch Mitte Oktober hatte die Brüsseler Behörde erklärt, auf den ersten Blick sei an der öffentlichen Auftragsvergabe für zehn Hochgeschwindigkeitszüge im Wert von 600 Mio. Euro nichts zu beanstanden.

Alstom hat den Tunnelbetreiber Eurostar bisher mit Zügen beliefert. Trotz des drohenden Verlustes der Monopolisten-Stellung bei Eurostar hält der Hersteller der französischen Hochgeschwindigkeitszüge aber an seiner Gewinnprognose für das laufende und kommende Jahr fest.

Alstom war Siemens im Rennen um den prestigeträchtigen Zugauftrag überraschend unterlegen und wehrt sich nun nach Kräften gegen eine Vergabe an den deutschen Konkurrenten. Der Streit hat auch politisch hohe Wellen geschlagen. Die französische Regierung protestierte gegen den Auftrag für Siemens und warf den Deutschen Sicherheitsmängel an den Zügen vor. Siemens weist den Vorwurf zurück: Die Richtlinien des Tunnels entsprächen nicht dem heutigen Stand der Technik. Bei der Europäischen Kommission beschwerte sich Alstom, die Ausschreibung des Tunnelbetreibers Eurostar verstoße gegen europäisches Recht.

Den EU-Kreisen zufolge bedeutet die nun eingeleitete vierwöchige Untersuchung nicht, dass es zwangsläufig zu einem förmlichen Verfahren kommen müsse. Der Streit hat aber bereits dazu geführt, dass Siemens mit der Unterzeichnung der Eurostar-Verträge zögert.

Alstom setzt in nächster Zeit auf Kostensenkungen. Ein umfangreiches Sparprogramm solle im Geschäftsjahr 2010/2011 sowie 2011/2012 eine operative Marge zwischen sieben und acht Prozent sichern, teilte der Konzern, der auch Kraftwerke herstellt, mit. Laut einem im Oktober veröffentlichten Restrukturierungsplan sind in der Energiesparte 4.000 Stellenstreichungen - ein großer Teil davon in Deutschland - vorgesehen. Die Arbeitnehmervertreter drohten bereits mit Streiks. Vor allem die Energiesparte belastete den Gewinn im ersten Halbjahr. Die geringere Energienachfrage sowie ein schleppender Auftragseingang bescherten dem Unternehmen einen Rückgang beim Betriebsgewinn von acht Prozent auf 763 Mio. Euro. Der Auftragseingang verringerte sich um ein Prozent auf 7,04 Mrd. Euro. Die Erlöse stiegen hingegen um acht Prozent auf 10,43 Mrd. Euro. (APA/Reuters)