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Absturzgefahr oder nicht - die Notenbanken reagieren unterschiedlich.

Foto: AP/Roland

Wenn Notenbanker sprechen, geht es weniger darum, was sie sagen, sondern wie sie sich ausdrücken. Und darum, was sie für sich behalten. Am Donnerstag hielt sich der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, zur Vorgangsweise des US-Pendants Federal Reserve bedeckt. Er habe keinen Grund, der Fed nicht zu trauen, erklärte der Präsident. Und er wolle die Aussagen von Fed-Chef Ben Bernanke, die USA hätten Interesse an einem starken Dollar, nicht in Zweifel ziehen.

Tatsächlich kommt die Euro-Notenbank immer stärker unter Druck. Die 600 Milliarden Dollar, die die Fed neuerlich drucken will, bleiben nicht ohne Folgen auf Rohstoff- und Aktienkurse, wobei erstere ohnehin schon an den Rekorden von 2008 kratzen. Der Goldkurs machte denn am Tag nach der Fed-Bekanntgabe den größten Tagessprung seit einem halben Jahr (um 2,7 Prozent), die Börsen legten zu. Gleichzeitig bringt der US-Geldregen eine Abwertung des Dollar, der Euro kletterte am Donnerstag um mehr alsein Cent auf 1,43 und nähert sich dem Jahreshoch von 1,45 Dollar. Die Eurozone kommt also gleich von zwei Seiten unter Druck, weil ein schwacher Dollar die europäischen Ausfuhren belastet und der Rohstoffboom die Preise anheizt.

Im Unterschied zu zahlreichen Schwellenländern bleiben der EZB die Hände im Währungsmatch weitgehend gebunden. Erst am Dienstag haben Australien und Indien die Leitzinsen erhöht, um die überhitzende Wirtschaft abzukühlen. In Down Under handelte es sich bereits um die sechste Anhebung innerhalb eines Jahres. Zudem versuchen immer mehr Staaten, die Dollar-Flut in ihre Märkte mit Kapitalverkehrskontrollen zu stoppen. Thailand oder Brasilien haben bereits entsprechende Schritte gesetzt.

Trichet versucht, den Euro betont gelassen durch das weltwirtschaftliche Gewitter zu manövrieren. Vorerst hält die Notenbank daran fest, außergewöhnliche Krisenmaßnahmen zurückzufahren. Während die USA die Notenpresse anwerfen, versucht die EZB, Liquidität abzuziehen. Nagelprobe wird die anstehende Vergabe von dreimonatigem Geld für die Banken. Im Unterschied zu den letzten Tendern könnte nicht mehr jedes Institut so viel Geld erhalten wie gewünscht, sondern Mittel nur - wie in "normalen Zeiten" - erhalten, wenn das Angebot entsprechend attraktiv ist.

Ob die EZB den rigideren Kurs durchhalten wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls plagt sich Trichet gleich mit mehreren Punkten, wobei er die steigende Inflationsgefahr im Gegensatz zu den Problemen mit der Fed offiziell zugibt. Dazu gesellen sich neue Alarmsignale vom Schuldenturm. Mehrere Staaten, vor allem Irland und Portugal, weisen derzeit Rekord-Zinsaufschläge zu deutschen Bundesanleihen auf. Obwohl die EU mit einem 750 Mrd. Euro schweren Rettungsschirm einsprang und die EZB zudem Staatsanleihen angeschlagener Staaten kaufte, steigen die Renditen und damit die Kreditkosten weiter. Am Donnerstag erreicht der Abstand irischer Anleihen zu deutschen Staatspapieren den Rekordwert von 5,07 Prozent, jener portugiesischer Anleihen 4,25 Prozent. Dublin will nun neuerlich den Sparkurs verschärfen und 2011 sechs Mrd. Euro einsparen. Lissabon wird von der EU zur schärferen Konsolidierung aufgefordert.

Der Markt sorgt sich nicht nur um die hohe Verschuldung, sondern um von Berlin vorgebrachte Pläne, private Gläubiger bei künftigen Rettungsaktionen zur Kasse zu bitten. Trichet soll im Kreis der EU-Chefs heftig gegen das Vorhaben rebelliert haben. Offiziell sagte er: Die debattierte EU-Vertragsänderung dürfe die Finanzmarktstabilität nicht beeinträchtigen.

Klarer wurde der EZB-Chef in Sachen Stabilitätspakt. Dass die EU-Spitzen weiterhin über Sanktionen gegen Staaten, die gegen Defizitvorgaben verstoßen, abstimmen, schmeckt Trichet gar nicht. Er fordert einen Automatismus, der aber in der Union nicht konsensfähig ist. Das sagte der Franzose überraschend deutlich.  (Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5.11.2010)