Bild nicht mehr verfügbar.

Unterstützer des prominenten Künstlers Ai Weiwei protestieren gegen den angeordneten Abriss seines Ateliers. Wer sich in China zu kümmern beginnt, ist auf dem Weg zum Verbrechen, so Ai Weiwei.

Foto: Reuters

Er soll sein Atelier in Schanghai abreißen - und dafür noch selbst die Kosten tragen.

Der groteske kulturpolitische Streit zwischen dem weltbekannten chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei und der Stadt Schanghai nimmt kafkaeske Züge an. Anlass ist die Aufforderung der Behörden, sein Atelier abzureißen - das einst im Auftrag der Stadt Schanghai gebaut worden war. Doch es geht um mehr: Der 52-Jährige, der das Olympiastadion "Vogelnest" mitentwarf, hat sich mit seiner politischen Aktionskunst zum Systemkritiker entwickelt.

Nach dem Abrissbeschluss hatten die Sicherheitsbehörden Ai Weiwei von Freitag bis Sonntagnacht in Hausarrest in Peking gehalten. So wollten sie verhindern, dass er nach Schanghai fährt. Doch zwei Tage später erhielt Ai Weiwei ein offizielles Schreiben mit der Aufforderung, er möge doch nach Schanghai kommen: Sein dortiges Atelier müsse nicht nur abgerissen werden - die Demontage des eine Millionen Euro teuren Baus habe der Künstler selbst und auf eigene Kosten zu besorgen. "Das ist absurd: Ich muss vor dem 21. November mein Gebäude selbst abreißen", sagte Ai Weiwei am Mittwoch dem Standard. Die Regierung korrigiere nie eigene Fehler, sondern entscheide nach Gutdünken. "Wer ihr nicht gehorcht, den nimmt sie fest."

Erst 2009 war Ai Weiwei vom Schanghaier Bezirk Jiading - wie weitere bekannte Künstler - gebeten worden, ein Atelier zu bauen. Die Beamten planten eine Kulturoffensive, kümmerten sich um Grundstücksanmeldung und Verträge. Als das rote Backsteinstudio fertig war, wurde dem überraschten Ai Weiwei mitgeteilt, sein Bau verstoße gegen die Bodenordnung und müsse abgerissen werden. "Ich war der einzige der von Jiading eingeladenen Künstler, dem das mitgeteilt wurde."

Als Hintergrund vermutet Ai Weiwei seine zunehmend politisch engagierte Aktionskunst - etwa für die Tausenden Schüler, die beim Sichuaner Erdbeben unter eingestürzten Pfuschbauten starben. Ein Risikofaktor für Schanghais Behörden.

Doch seine Bekanntheit schütze ihn - anders als etwa Zhao Lianhai: Der Sozialaktivist wurde am Mittwoch zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte eine Initiative für Eltern gegründet, deren Kinder Opfer der melaminverseuchten Babynahrung geworden waren. Der Milchskandal hatte 2008 weltweit Schlagzeilen gemacht. Die Urteilsbegründung: Zhao habe soziale Unruhe geschürt. Solche Fälle seien es, die ihn mit seiner Kunst Position beziehen lassen, sagt Ai Weiwei. "Wer sich in diesem Land zu kümmern beginnt, ist schon auf dem Weg zum Verbrechen."

Party mit Flusskrebsen

Für sein Atelier boten die Behörden dem Künstler eine Entschädigung an - er dürfe aber kein Aufheben machen. Doch Ai Weiwei lud zu einer großen "Abriss-Party". Auf der Speisekarte: Flusskrebse. Der chinesische Name der Delikatesse klingt so wie der von Peking propagierte Begriff der gesellschaftlichen "Harmonie". "Die Party fand zwar ohne mich statt" - er musste in Hausarrest. "Aber es kamen 800 Leute."

Mitte Juli gibt das Kunsthaus in Bregenz einen Einblick in sein Werk als Architekt. (Johnny Erling aus Peking / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2010)