Am Mittwoch lud der Alumni Club der Med Uni Wien zur Diskussion über notwendige Reformen in der Medizinausbildung.

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"Die derzeitige Situation für auszubildende Jungärzte birgt einige Widersprüche", sagt Wolfgang Schütz, Rektor der Med Uni Wien. Zum einen werden Ärzte im Turnus nicht dort ausgebildet, wo sie dann als Allgemeinmediziner tätig sein werden, und zum anderen fehle es durch die Rotation im Turnus auch an einer optimalen Betreuung durch die ausbildenden Ärzte. In welche Richtung sich die Praxisausbildung in der Medizin weiterentwickeln soll, war Thema der Diskussionsveranstaltung des Alumni Clubs der Med Uni Wien.

Rudolf Mallinger, Vize-Rektor für Lehre an der Med Uni Wien, kritisiert vor allem die durch Turnus und Facharztausbildung lange Lehrzeit, bevor ein Medizinabsolvent als Arzt tätig werden kann. Er könne sich, wie auch in anderen europäischen Ländern üblich, eine frühere Approbation gleich nach Studienende vorstellen. "In anderen Ländern gibt es dafür zusätzlich eine Approbationsprüfung", ergänzt er. Der Turnus könnte durch ein praktisches Jahr ersetzt werden, danach könnte die Facharztausbildung auch für Allgemeinmediziner absolviert werden.

Laut einer Umfrage der Ärztekammer ist ein Fünftel der Turnusärzte unzufrieden. Zu viel Zeit würden sie mit administrativer und routinemäßiger Arbeit verbringen, der Ausbildungszweck rücke in den Hintergrund. Auch Judith Böhm, Jungärztin und stv. Senatsvorsitzende der Kurie der Studierenden und Doktoratsstudierenden des Senats der Med Uni Wien, kritisiert die im europäischen Vergleich lange Ausbildungsdauer für Allgemeinmediziner. "Österreich ist das einzige europäische Land, wo man mit dem Abschluss des Medizinstudiums nicht auch eine Zulassung bekommt", sagt sie. Vonseiten der Studienvertretung werde ein praktisches Jahr nach deutschem Vorbild bereits geplant.

Attraktivere Ausbildung

Thomas Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien, ergänzt: "In jeder Regierungsvereinbarung der letzten 15 Jahre war die Stärkung der Hausärzte im Programm. Geändert wurde aber nichts." In ganz Europa sei es üblich, dass Fachmediziner und Allgemeinmediziner in geförderten Lehrpraxen ausgebildet werden. Dafür seien, so die Berechnung der Ärztekammer, anstelle der derzeit für Lehrpraxen zur Verfügung gestellten 900.000 Euro rund 11 Mio. Euro nötig. Darüber hinaus müsse die Ausbildung zum Allgemeinmediziner attraktiver werden, ist Holzgruber überzeugt. "Wenn uns das nicht gelingt, werden wir bald eine ähnlich Situation wie in Deutschland haben, wo es schwierig sein wird, Landarztpraxen zu besetzen." Wenn es so weitergehe wie bisher, dürfe sich niemand wundern, wenn jeder Mediziner eine Ausbildung zum Facharzt anstrebe.

Zur Besonnenheit bei Änderungen in der Ausbildung mahnt Gerhard Aigner, Leiter der Sektion Recht und Verbraucherschutz im Bundesministerium für Gesundheit. "Dabei geht es um das Wie, die Machbarkeit, aber auch die Geschwindigkeit, in der die Reformen vorgenommen werden. Spontane Korrekturen sind in der Medizinausbildung nicht machbar." Dass bei Reformen in der Ausbildung nichts übers Knie gebrochen werden darf, ist für Böhm selbstverständlich. "Aber man muss sich auch trauen, endlich etwas zu tun", fügt sie an.

Mögliche Schwierigkeiten sieht Aigner auch in einem Lehrpraxis-System. "Schon jetzt gibt es anerkannte Lehrpraxen, die keine Auszubildenden aufnehmen wollen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben", berichtet er. Dem widerspricht Holzinger: "Eine Lehrpraxis ist durch nichts zu ersetzen, denn nur in diesen Einrichtungen können angehende Allgemeinmediziner die notwendigen Sozialkompetenzen für ihre Berufsausübung lernen." Das Problem sei aber die Finanzierung. (Gudrun Ostermann/DER STANDARD; Printausgabe, 6./7.11.2010)