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Serbiens Präsident Boris Tadic mit seinem kroatischen Amtskollegen Ivo Josipovic.

Foto: REUTERS/Ivan Milutinovic

Der Kniefall von Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943 vor fast genau 40 Jahren ist in Europa ein Symbol für Reue und Schuldbekenntnis geworden. Die spontane Geste des damaligen deutschen Bundeskanzlers war für viele Deutsche, Polen und Juden ausschlaggebend, eine neue Seite der Geschichte aufzuschlagen.

Als Serbiens Präsident Boris Tadic vergangene Woche die Donau überquerte, um sich in Vukovar vor den kroatischen Opfern der serbischen Soldateska zu verbeugen und sich für von Serben begangene Kriegsverbrechen zu entschuldigen, war das mehr als eine symbolische Geste: Es war ein Tabubruch auf höchster Ebene, eine Wende in den Beziehungen der beiden von Gewalt und Leid belasteten Völker.

Und als Tadics kroatischer Amtskollege und Gastgeber Ivo Josipovic auch einen Kranz vor dem Denkmal für unschuldige serbische Opfer in der Nähe der Stadt Osijek niederlegte, war der wechselseitige Kniefall komplett. Das Präsidentenduo machte vor, dass möglich ist, was für viele bis vor kurzem unmöglich schien: eine gemeinsame europäische Zukunft auf der Grundlage von Geständnis, Verzeihung und Versöhnung.

Doch bis dahin führt noch ein langer Weg. Vergangenheitsbewältigung in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien beschränkte sich bisher stets darauf, den anderen die Schuld für alles zuzuweisen. Jedes Volk feierte seine eigenen Helden, die für die anderen Kriegsverbrecher waren. Die unschöne Geschichte vergessen, statt Geschichte aufzuarbeiten, lautete die Devise der Politiker im politisch instabilen Serbien. Denn Slobodan Milosevic hatte lange Zeit eine breite Unterstützung für seine Feldzüge, und Wähler haben es nun einmal nicht gern, wenn man sie an ihre Mitverantwortung für Verbrechen erinnert. Um so mehr wiegt der Versöhnungsbesuch von Tadic, der sich damit zu Hause, wo nach Angaben der serbischen Regierung über 200.000 Flüchtlinge aus Kroatien leben, nicht populär machte.

Die Heilung der Kriegswunden in Kroatien, Bosnien, dem Kosovo und Serbien wird lange dauern, zumal die Beschönigung der eigenen Kriegsaktionen Teil der politischen Kultur geworden ist. Mit seiner Entschuldigung bei den Überlebenden des von bosnisch-serbischen Truppen 1995 verübten Völkermordes in Srebrenica und durch seinen Vukovar-Besuch ist Tadic eine Art Kniefallpionier auf dem Balkan geworden. Diesem Trend schlossen sich Josipovic und Bakir Izetbegovic, neugewähltes Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, an, der für "jeden unschuldigen, von der Armee Bosnien-Herzegowinas ermordeten Menschen" um Entschuldigung bat.

Aber die Versöhnungsgesten der Spitzenpolitiker sind immer noch Einzelaktionen. Darüber hinaus gibt es fast nichts: keine institutionelle, systematische Aufarbeitung der Geschichte, keine Medienkampagne, keinen geänderten Schulunterricht.

Doch wenn dadurch noch einige Serben mehr ermuntert werden, im Sommer die Küste Kroatiens zu besuchen, und in Dalmatien manch einer nicht gleich überschnappt, wenn er serbische Autokennzeichen sieht, wenn sich Bosniaken leichter zu einem Besuch in Belgrad entschließen und Serben in größerer Anzahl nach Sarajevo fahren, dann ist es schon eine gute Grundlage für einen Neubeginn. (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2010)