Die Internationale Meinungsverschiedenheiten über Wirtschaft- und Währungspolitik sind nichts Neues. Aber selten wurde zwischen den USA, Europa und so Asien so heftig gestritten wie im Vorfeld des G20-Gipfels in Südkorea.

Die USA fordern von China und Deutschland massive Schritte zur Eindämmung ihrer Exportüberschüsse, was diese vehement ablehnen. Dafür kritisieren sie die US-Niedrigzinspolitik, die sich darin manifestiert, dass die Federal Reserve um 600 Milliarden Dollar Anleihen kauft und damit noch stärker als bisher Geld druckt.

Stets geht es dabei um Wechselkurse: In einer Zeit mit geringem Wachstum wünscht sich jede Volkswirtschaft eine schwache Währung, weil dies die Exporte ankurbelt. Aber alle Währungen können nicht schwach sein: Die Abwertung der einen bedeutet die Aufwertung einer anderen.

So gesehen könnte man die jetzige Debatte als reinen Machtkampf zwischen den großen Wirtschaftsblöcken betrachten, der auf Grund wirtschaftlich-politischer Stärke entschieden wird. Doch es geht nicht nur um Macht, sondern auch um die Richtigkeit und Glaubwürdigkeit der Argumente. Wer in dieser Debatte Recht hat, hat bessere Chancen sich auch durchzusetzen.

Hier also ein Versuch einer Beurteilung:

Die USA haben grundsätzlich damit Recht, dass die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft – riesige Defizite in den USA, Überschüsse in Asien und Nordeuropa – destabilisierend sind und zu ihrer Beseitigung auch die Überschussländer etwas beitragen müssen. Der merkantilistische Exportwahn so vieler Staaten – auch Österreich ist dabei – ist ökonomisch irrational und politisch gefährlich.

Aber der Vorschlag von US-Finanzminister Timothy Geithner, Überschüsse einzelner Staaten unter Androhung von Strafen auf vier Prozent zu beschränken, ist undurchführbar. Wer soll das denn durchsetzen, und wie sollen Staaten, selbst wenn sie es wollen, in einer freien Marktwirtschaft einen Exportboom stoppen?

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat darüber hinaus Recht, wenn er darauf hinweist, dass die bilaterale deutsch-amerikanische Handelsbilanz unbedeutend ist und die Bilanz zwischen den USA und der Eurozone, der relevante Maßstab, halbwegs ausgeglichen ist. Was er nicht sagt: Die deutschen Exportüberschüsse belasten vor allem die Defizitländer in der Eurozone und tragen so entscheidend zu den Problemen von Griechenland, Spanien, etc. bei.

Die USA werfen China schon seit Jahren vor, durch Kapitalkontrollen und Interventionen ihre Währung zu manipulieren, und haben damit auch Recht. Der Yuan bleibt deutlich unterbewertet, was man allein an den weiterhin hohen Leistungsbilanzüberschüssen Chinas erkennen kann.

Was allerdings selten gesagt wird: Die Unterbewertung hat sich seit 2005 deutlich gemildert, weil China doch etwas aufgewertet hat und außerdem die Preise in China viel schneller gestiegen sind als in den USA. Laut Economist läuft das auf eine reale Aufwertung von 45 Prozent hinaus.

Der chinesische Leistungsbilanzüberschuss hat sich seit 2007 etwa halbiert, von elf auf etwa sechs Prozent. Das ist immer noch deutlich weniger, als die USA und die Europäer es verlangen, aber erklärt, warum die Chinesen auf die ständigen Angriffe aus Washington so gereizt reagieren. Die Anpassung läuft, erklären sie mit gutem Grund, bloß das Tempo wollen sie selbst bestimmen.

Wie schaut es mit der massiven Kritik der übrigen Welt, vor allem der Europäer, an der Geldpolitik der USA aus? Es stimmt: Die zweite Phase des „Quantitative Easing“ (QE“), die von der Fed nun ausgelöst wurde, ist eine riskante Strategie und könnte langfristig zu einer inflationären Welle führen. Aber wie die meisten Ökonomen betonen, bleibt die Hauptgefahr für die US-Wirtschaft die Deflation, nicht die Inflation. Die Risiken des Nichtstuns sind aus Sicht der Fed deutlich größer.

Das wahre Problem ist, dass QE2 seinen Hauptzweck, nämlich die Kreditvergabe anzukurbeln, verfehlt, weil von überschuldeten US-Verbrauchern keine Kreditnachfrage kommt. QE2 hat zwei andere Konsequenzen: Es beflügelt die Börse und schwächt den Dollar.

Vor allem die anziehenden Aktienkurse, heißt es unter Analysten, stärken die Konjunktur, weil sich Millionen von Aktienbesitzer dann wohlhabender fühlen. Aber mit dieser Strategie hat schon der frühere Fed-Chef Alan Greenspan Schiffbruch erlitten. Wer über steigende Kurse das Wachstum ankurbeln will, der erzeugt automatisch eine Blase, die früher oder später platzen wird. Das wäre, wenn sie anhält, eine gefährliche Entwicklung.

Sinnvoller ist der dritte Effekt: die Dollar-Abwertung. Darüber soll sich der Rest der Welt nicht aufregen, auch wenn es Exporte in die USA erschwert und vor allem die inflationären Tendenzen in China, das den Yuan ja an den Dollar gebunden hat, verstärkt. Wenn China damit Probleme hat, soll es endlich seine Währung abkoppeln und steigen lassen.

Und auch die Europäer müssen akzeptieren, dass die USA nichts gegen eine weitere Dollar-Abwertung tun werden, weil sie hoffen, mit einer schwächeren Währung das ständige Außenhandelsdefizit einzudämmen. Ob das angesichts der tiefen Strukturkrise der US-Wirtschaft gelingt, ist offen. Aber ein niedrigerer Wechselkurs hilft fast immer, externe Defizite abzubauen und zumindest kurzfristig Wachstum anzukurbeln.

Argumentativ ergibt das alles ein ziemliches Patt, denn alle haben irgendwie Recht. Das ist eine Einladung, ohne echte Konsequenzen auf und nach dem G20-Gipfel weiter zu streiten. Denn weder die USA noch China werden ihren Kurs auf Drängen des Handelspartners wechseln.

Und wie sich frei gehandelte Wechselkurse – also Dollar, Euro und Yen – entwickeln, lässt sich in Wirklichkeit von der Politik kaum beeinflussen.