Die G-20 stehen vor ihrer Reifeprüfung. Wenn die Staats- und Regierungschefs der führenden Industrie- und Schwellenländer am heutigen Donnerstag in Südkorea aufeinandertreffen, wird ihre Fähigkeit zur Koordinierung das Maß aller Dinge sein. Diese Aufgabe stand am Anfang der Zusammenkünfte, die in diesem Format nach dem Kollaps von Lehman Brothers vereinbart wurden. Man kann durchaus geteilter Meinung über die seither gemachten Fortschritte sein, doch gemeinsame Anstrengungen kann man der Staatengemeinschaft nicht absprechen.

Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Seit der Abbau der mit der Krisenabwehr aufgebauten Schuldenberge auch die freigiebigsten Politiker nicht mehr ruhig schlafen lässt, wird wieder heftig an verschiedenen Strängen gezogen. Schon beim letzten Treffen in Kanada war bei der Bankenabgabe kein gemeinsamer Nenner zu finden; beim Thema Ausstieg aus konjunkturstützenden Maßnahmen wurde ein inhaltsleerer Kompromiss festgeschrieben. Seither haben die Divergenzen deutlich an Schärfe gewonnen, die Rede vom Währungskrieg macht die Runde.

Ob die Wortwahl angemessen ist, mag dahingestellt sein; relevant sind die einseitigen Manöver zahlreicher Staaten allemal. China stellt mit dem unterbewerteten Yuan ein beliebtes Angriffsziel dar; die ultralockere Geldpolitik der USA ist von der Wirkung her nicht viel anders, weil sie den Dollar nachhaltig schwächt. Das kann Japan nicht akzeptieren, weshalb das Land die Währung zur Abwertung auf den Markt wirft. Mehrere Schwellenländer - vor allem solche mit boomenden Rohstoffvorkommen - werden von "easy money" überschwemmt und wehren sich gegen die Überhitzung der Wirtschaft mit Zinserhöhungen und Kapitalverkehrskontrollen.

Die Scharmützel nehmen zu, wobei die Diskussion über das Auslösen der Attacken müßig ist. Eindeutig fällt hingegen ein anderer Befund aus: Die führenden Wirtschaftsnationen haben bei ihren geld- und währungspolitischen Aktionen nicht im Traum daran gedacht, ihre "Partner" zu informieren. Womit die Parallelen zum Abwertungswettlauf in den 30er-Jahren nicht von der Hand zu weisen sind. Damals machte Australien den Anfang, die USA und andere Nationen folgten bereitwillig. Hand in Hand gingen protektionistische Maßnahmen, von denen der Hawley-Smoot-Act, mit dem die USA die Zölle auf fast 900 Importwaren empfindlich anhoben, eine der rigidesten war.

Wie vor 87 Jahren bei der London Economic Conference drohen Bemühungen, die Handelskonflikte zu glätten, wieder zu scheitern. Neben den Exportvorteilen, die viele Nationen mit der Abwertung ihrer Währungen anstreben, verleiten die hohen Schulden zu diesen Schritten. Die Inflationierung der Außenstände ist in der Tat verlockend. Die Flucht in Sachwerte, insbesondere in Gold und Immobilien, zeigt, dass Anleger die Bedrohung durchaus ernst nehmen.

Das Problem dabei: Wenn alle führenden Staaten abwerten, kommt es letztlich zum Nullsummenspiel für die involvierten Länder. Doch wer soll noch investieren, wenn die Lage derart unberechenbar ist. Kosumenten macht die Verunsicherung durch die Währungs- und Handelsmanipulatoren ebenfalls zu schaffen. Die Testfrage beim aktuellen Gipfel lautet: Wie halten Sie es wirklich mit der internationalen Koordinierung?  (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2010)