Wien - Ex-Magna-Spitzenmanager Siegfried Wolf (53) wechselt nach 15 Jahren im austro-kanadischen Autozulieferkonzern ins Firmenimperium des russischen Großindustriellen Oleg Deripaska wechseln. Dort soll Wolf als Aufsichtsratsvorsitzender mit Durchgriffsrecht (Chairman of the Board of Directors) für die Pkw- und Nutzfahrzeugsparte "Russian Machines" mit über 70.000 Mitarbeitern die Verantwortung übernehmen. Russian Machines gehört zur Deripaska-Holding Basic Element, an der seit kurzem auch Wolf mit einem "klarem Stimmrecht" beteiligt ist.

Wolf will in Russland etwas Neues aufbauen. "Geld ist nicht die einzige Motivation", betonte der Steirer anlässlich der Bekanntgabe seines Wechsels nach Moskau. Der gelernte Werkzeugmacher steht vor der Mission, die marode russische Autoindustrie wieder in Gang zu bringen. Herzstück der Russian Machines ist der zweitgrößte Autobauer GAZ, der an massiver Unterauslastung leidet. Das Unternehmen ist der einzige große russische Fahrzeughersteller ohne westlichen Partner. Er ist auf Schwerfahrzeuge und Busse spezialisiert und betreibt 17 Produktionsstätten. 2009 musste GAZ tausende Stellen streichen. Auf dem russischen Markt hatten sich 2009 die Pkw-Verkaufszahlen halbiert.

Nun steht ein Wiederaufschwung vor der Tür, der Wolf zugutekommen dürfte. Russlands Wirtschaftsministerium erwartet eine Verdoppelung der Kfz-Produktion bis 2013 gegenüber dem Krisenjahr 2009. Laut der staatlichen Statistikbehörde Rosstat ist die Pkw-Produktion in Russland in den ersten acht Monaten 2010 im Jahresvergleich um 88,2 Prozent auf 697.300 Stück gestiegen. Bei den Lkw stieg die Produktion um 54,4 Prozent auf 85.800 Stück. Die Modernisierung der Autoindustrie stößt vor allem im Kreml auf großes Interesse. Deshalb kann Wolf auch weiterhin mit Garantien für Investitionsprojekte seitens der Regierung rechnen.

Chef seit 2007

Deripaska wurde bereits 2007 Wolfs Chef, als Russian Machines mit rund einem Fünftel bei Magna International einstiegen. Diesen Anteil musste Deripaska jedoch nach Ausbruch der Wirtschaftskrise an seine Kreditgeber abtreten. Dass Wolf große Erfahrung im Automotiv-Geschäft mitbringt, dürfte den russischen Milliardär Oleg Deripaska spätestens bei der gemeinsam geplanten Opel-Übernahme überzeugt haben. Gemeinsam mit der russischen staatlichen Sberbank wollten Magna und GAZ die deutsche General-Motors-Tochter Opel kaufen und Russland als einen wichtigen Zukunftsmarkt aufbauen. Nach mehrmonatigen Verhandlungen beschloss der insolvente US-Autokonzern GM aber überraschend im November 2009, Opel doch zu behalten.

Die Wege von Wolf und seinem neuen Chef Deripaska hatten sich zuvor auch in der Baubranche gekreuzt. Wolf sitzt unter anderem als Aufsichtsrat im österreichischen Baukonzern Strabag SE. An diesem hatte sich Deripaska 2007 ebenfalls (mit einem Viertel) beteiligt und nach einem "margin call" auch aus diesem Engagement verabschieden müssen. Erst am 8. November kehrte der bis dahin mit einer Namensaktie beteiligte Russe wieder mit 17 Prozent in die Strabag zurück. Auf die weiteren 8 Prozent hat er eine Option bis 2014.

Spekulationen, wonach Wolf die Leitung der geplanten gemeinsamen Bauholding der Strabag und der Bausparte Deripaskas übertragen bekommen könnte, wies Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner zurück. Wolf sei zwar ein geschätztes Mitglied des Strabag-Aufsichtsrates, aber kein Baumensch. Er sei von Deripaska beauftragt, die Automotive-Sparte zu leiten.

Wolfs Bilderbuch-Karriere in der Autoindustrie begann 1994 mit seiner Entdeckung beim Munitionsproduzenten Hirtenberger durch den Austrokanadier und Selfmade-Milliardär Frank Stronach. Danach arbeitete das österreichische Duo intensiv an der Expansion des Autozulieferers - auch nach Österreich. 1998 wickelte Wolf für Magna den Kauf der Steyr-Daimler-Puch ab, die 2001 in Magna Steyr umbenannt wurde. Im folgenden Jahrzehnt war die Erfolgsgeschichte der österreichischen Autozulieferindustrie eng mit mit Magna Steyr verbunden.

Im August 2010 erfolgte der endgültige Rückzug des Magna-Gründers Frank Stronach aus seiner dominierenden Stellung beim austro-kanadischen Konzern. Stronach reduzierte seinen Anteil an Magna und gab für rund 1 Mrd. Dollar (730 Mio. Euro) seine Kontrollmehrheit ab. Mit dem nunmehrigen Abgang Wolfs wird der österreichische Einfluss bei Magna wesentlich zurückgefahren. Nach dem Bekanntwerden seines Rückzugs wurde Mitte Oktober 2010 das im burgenländischen Kittsee geplante Magna-Batteriewerk vorerst auf Eis gelegt.

Siegfried Wolf wurde am 31. Okt. 1957 in Feldbach in der Steiermark als eines von sieben Geschwistern geboren und wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Der gelernte Werkzeugmacher und Maschinenbauer arbeitete zunächst bei Philips in der Qualitätssicherung, ab 1981 war er für die Vereinigten Wiener Metallwerke tätig. 1983 wechselte er zum Munitionsproduzenten Hirtenberger, wo er auch Gesamtprokurist tätig war. (APA)