Neben der berechtigten Kritik am sicherheitsdominierten Integrationskonzept Österreichs und der Pauschalisierung der türkischen Einwanderer als integrationsunwillig, sind es vor allem Tezcans einseitige Schuldzuweisungen, die eine starke Polarisierung verursachen.

Tezcan agiert wie die von ihm kritisierten österreichischen Rechtspopulisten, er spricht von "seinen Leuten", und vereinnahmt damit alle türkischstämmigen Bewohner Österreichs. Er spricht von "unserer islamischen Philosophie" und markiert dabei einen Gegensatz zum Christentum, das seiner Meinung nach merkantilistisch ausgeprägt sei und attestiert seinen Landsmännern und Religionsbrüdern damit gleichzeitig die Unfähigkeit kaufmännisch handeln zu können. Auch nicht grade ein Kompliment.

Kermes, Feste fürs Volk?

Wer sind denn nun "seine Türken"? Die, die Traditionen bewahren, die, die ein Kopftuch tragen, die, die bei dem Wort Folklore nicht gleich die Flucht ergreifen? Im viel zitierten Presse-Interview erwähnt der Botschafter einladende Kermes-Feste, die von Türken an öffentlichen Orten veranstaltet werden und an denen keine Österreicher teilnehmen wollen.

Solche Kermes-Festivitäten werden in der Regel aber von Moscheen oder religiösen bzw. kulturellen Vereinen organisiert. Mal abgesehen von den türkischstämmigen Migranten, die kein Kermes-Fest besuchen, weil ihnen die üblichen Folklore-Auftritte peinlich sind oder der türkische Teil ihrer Identität keine überdimensionalen Fahnen und übersteigerte Religiosität zum Überleben braucht. Warum sollte sich ein Einheimischer, der schon die eigene Volksmusik nicht unbedingt mag und auch nicht auf jeden Kirtag geht, so etwas antun?

Kermes-Frau

Außer Folklore-Darbietungen gibt es auf einem Kermes-Fest üblicherweise auch Spitzendeckchen oder Tischdecken, selbst handgearbeitet von den Frauen, zu kaufen. Wenn es sich um eine religiöse Gemeinde handelt, gibt es auch Koran-Ausgaben und Kopftücher im Angebot. So bleibt die Frau in ihrem traditionellen Rollenbild, zuständig für das häusliche Einrichten, Putzen und Kochen. "Hausfrau zu sein ist auch ein Job", lautet die persönliche Meinung des türkischen Botschafters. Ein unbezahlter Job, nebenbei bemerkt. Damit teilt Tezcan mit der FPÖ ein Frauenbild, das sich vorrangig rund um Heim, Herd und Kindererziehung dreht.

Kultur und Integration

Tezcan und Strache argumentieren auf dieselbe Weise, um eine sich ähnelnde Klientel zu erreichen: Hauptsächlich national-konservativ. Sind diejenigen, die nicht auf ein Kermes-Fest gehen, keine vertretungswürdigen Türken? Was ist mit denen, die weniger religiös und/oder weniger patriotisch sind, die nicht in eine Moschee gehen, also keiner Moscheegemeinde angehören, wie beispielsweise die Aleviten oder die christlichen Aramäer aus der Türkei, oder denen, die der kurdischen Minderheit angehören?

Solange man erfolgreiche Integrationspolitik mit der Förderung von Kulturvereinen und kulturellen Veranstaltungen, die oft ins Religiöse oder Traditional-Nationale driften, verwechselt, solange werden die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen in Österreich weiter aufrecht erhalten und gepflegt. Auch das ist ein integrationspolitisches Problem, das Pochen auf kulturelle Eigenheiten.