Wien - Der ohnehin sehr mutig zusammengestellte Kader von Teamchef Bill Gilligan für die ersten drei Länderspiele der neuen Saison wurde im Vorfeld und während des Teamcamps in der vergangenen Woche weiter ausgedünnt. Gleich fünf nominierte Spieler sagten ihre Teilnahme am zur European Ice Hockey Challenge (EIHC) zählenden Telenor-Cup ab, sodass eine sehr unkonventionelle ÖEHV-Auswahl zum Turnier nach Ungarn aufbrach.
Gleich acht Debütanten fanden sich im Kader wieder, die im Laufe der drei Spiele eingesetzten Cracks wiesen ein Durchschnittsalter von lediglich 22,7 Jahren auf.

Nur ein WM-Teilnehmer

Die von Gilligan getroffene Auswahl der Spieler hatte im Vorfeld mancherorts für Verwunderung gesorgt, für ein Turnier mit Gegnern auf gemäßigtem Division 1-Niveau war sie im Großen und Ganzen aber eine adäquate. An der Seite von jungen, sich in den vergangenen Wochen in bestechender Form präsentierenden Spielern (Hundertpfund, Heinrich, Schumnig) blieben dem Teamchef auch einige Rosterspots für Testkandidaten. Diese besetze er mit Spielern, die größtenteils weder in der Vergangenheit in Nachwuchs-Nationalteams noch aktuell im Ligabetrieb, wo sie teilweise nicht einmal Teil der Stammbesetzung ihres jeweiligen Klubs sind, wesentlich auf sich aufmerksam machen konnten. Eine Freiheit, die sich Gilligan angesichts des bescheidenen sportlichen Niveaus des Telenor-Cups jedoch zweifelsfrei nehmen konnte.

So stand im Lineup des Auftaktspiels gegen Frankreich kein einziger Spieler aus dem Kader der letztjährigen Weltmeisterschaft, erst als es nach knapp 30 Minuten zum Torhüterwechsel kam, war mit Bernhard Starkbaum immerhin der Backupgoalie aus Tilburg mit dabei. Dem gegenüber stand bei der französischen Auswahl die Erfahrung von im Schnitt 68 Länderspielen pro Spieler - ein Wert, den bei Österreich mit Philipp Lukas (nun 101 Teameinsätze) nur ein einziger Spieler erreichte.

Team hinkt Liga hinterher

Dass die rot-weiß-rote Auswahl in Székesfehérvár dennoch nie richtig in Bedrängnis kam und sich den Turniersieg recht souverän und ungefährdet holen konnte, dokumentiert das Leistungsniveau dieser Veranstaltung und stellt auch ein wenig die Sinnhaftigkeit der Teilnahme in Frage. Zum vergleichbaren Zeitpunkt im Vorjahr hatte das Nationalteam bereits Duelle mit etablierten „A-Gruppen"-Nationen wie Belarus und Dänemark in den Beinen.

Während die EBEL mittlerweile zu den stärksten acht Ligen des Kontinents zählt, rangiert das Team Austria im World Ranking unter den europäischen Nationen nur auf Platz zwölf, wo sich die Liga das Ansehen eines sich strukturell und sportlich kontinuierlich weiterentwickelnden Bewerbs erarbeitet hat, festigte sich bezüglich der Nationalmannschaft das unrühmliche Image der Fahrstuhlmannschaft. Im einen Jahr zu stark für die Division 1, im anderen Abstiegskandidat in der „A-Gruppe", eventuell eine kleine positive Überraschung pro Dekade.

"Mutig in die neuen Zeiten..."

Das spielerische Potential, sich dauerhaft unter den 16 besten Nationen der Welt zu etablieren, ist in Österreich gegeben, gefördert wird es jedoch nur unzureichend. Ein erster Schritt wäre es, sich auch während der Saison um stärkere Gegner zu bemühen. Ähnlich dem Vorbild der vier großen Hockeynationen des Kontinents im Rahmen der Euro Hockey Tour wäre es vorstellbar, eine solche Turnierserie auch für die „zweite Reihe" im europäischen Eishockey zu initiieren. Sportlich sprechen aufgrund der jüngeren „Fahrstuhl"-Vergangenheit des Team Austria wenig Gründe dafür, automatisch dieser Gruppe zugeordnet zu werden, also wäre es naheliegend, die organisatorische Initiative zu übernehmen und so einen Impuls in den dafür zu interessierenden Nationalverbänden zu setzen. In der EHT trägt jedes der vier teilnehmenden Teams - jeweils während der International Breaks - ein Turnier im eigenen Land aus, bei dem jeder gegen jeden antritt. Schon bevor man in die unmittelbare WM-Vorbereitung startet, haben die Nationalmannschaften von Russland, Schweden, Finnland und Tschechien so zwölf über die Saison verteilte Partien gegen starke Gegner in den Beinen.

Ähnliches wäre auch eine Leistungsstufe niedriger vorstellbar: Sportlich wie geographisch böte sich eine solche Turnierserie gemeinsam mit den Nachbarländern Deutschland, Schweiz und Slowakei an. Zwölf über das Jahr verteilte Spiele auf gehobenem Niveau würden wohl auch bedingen, einen Kader aus Spielern, die auch wirklich realistische WM-Chancen haben, zu nominieren. Im Saisonverlauf könnte so aus dem Nationalteam eine richtige Mannschaft werden, deren Special Teams sich nicht erst zwei Wochen vor WM-Beginn konstituieren.

Ohne Zweifel: Österreich hat gegenwärtig keinen sportlichen Anspruch, Teil einer "Euro Hockey Tour light" zu sein. Die massiv positiven Effekte, welche die Teilnahme an einem derartigen Bewerb auf das Team und somit auch das gesamte nationale Eishockey hätten, sollten aber Anlass genug sein, in diese Richtung zu denken, planen und lobbyieren. Sich alle zehn Jahre um die Austragung einer A-WM zu bewerben, ist zu wenig an internationaler Aktivität - und warum soll nicht auch einmal eine Initiative von Österreich ausgehen? Ganz nach der dritten Strophe der Bundeshymne: "Mutig in die neuen Zeiten..." (Hannes Biedermann; derStandard.at; 15. November 2010)