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"Er ist der Beste von uns" , sagte Jacques Chirac einmal über ihn - wahrscheinlich zu Recht. Alain Juppé ist seit mehreren Jahrzehnten der hellste Kopf der französischen Bürgerlichen. Solide in seinen Werten, präzise mit dem Wort, verfügt er selbst über mehr Brillanz und Autorität als sein direkter Vorgesetzter, Premier François Fillon.

So viele Eigenschaften machen suspekt: Alain Juppé gilt bei den Franzosen als herablassend, ja verächtlich. Den Posten als Premier (1995- 1997) vermieste er sich, als er gegenüber einer Streikfront unflexibel erklärte, er harre "wacker in den Stiefeln" aus. Ohne Rückhalt von Jacques Chirac, dem damaligen Präsidenten, knickte er aber kläglich ein.

Juppé blieb seinem Mentor dennoch treu, 2004 hielt er für Chiracs Korruptionsaffären sogar den eigenen Kopf hin. Schweigend akzeptierte er eine Verurteilung und ging nach Kanada ins Gastprofessorenexil.

Schon 2007 holte ihn Nicolas Sarkozy nach der Präsidentenwahl ins Umweltministerium zurück. Die Franzosen konnten sich allerdings immer noch nicht für den kühlen Klassenbesten erwärmen und wählten ihn als Abgeordneten im Wahlkreis Bordeaux ab. Konsequenter als die meisten seiner Politikerkollegen, ließ Juppé auch den Regierungsjob fallen und zog sich als Bürgermeister in die Weinstadt Bordeaux zurück.

Lange hielt er es nicht aus. Nur vage bekundete er sein Interesse - nun hat ihn Sarkozy erneut zurückgeholt, diesmal als Verteidigungsminister und Nummer zwei der Regierung. Das ist Juppés Wunschjob und eine Herausforderung für den 65-Jährigen.

Schon diese Woche muss er beim Nato-Gipfel in Lissabon Farbe bekennen. Seine Gaullistenfreunde erinnern sich - und ihn - daran, dass er vor einem Jahr an vorderster Front Kritik an Sarkozy übte, weil dieser Frankreich als Vollmitglied in die Nato zurückgeführt hatte.

In Lissabon wird Juppé wohl dennoch ohne Mühe eine diplomatische Formel finden, um die Nato-Differenzen im französischen Regierungslager zu übertünchen. Interessant wird auch sein Verhalten gegenüber Afghanistan sein, wo die Gaullisten weit skeptischer mittun als Sarkozy.

Diese einflussreichen Eminenzen rund um Altpräsident Chirac erwarten von Juppé generell, dass er dem heutigen Staatschef auf die Finger schaut - und ihm vor der Präsidentschaftswahl 2012 vielleicht sogar ein Bein stellt. Indem er selbst kandidiert? Juppé wäre, das denkt nicht nur Chirac, sicher besser als Sarkozy. (Stefan Brändle/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2010)