Paris - Im Zusammenhang mit einem Terroranschlag in Karachi vor acht Jahren, bei dem auch elf Franzosen ums Leben kamen, haben Hinterbliebenenfamilien schwere Vorwürfe gegen den damaligen Minister und heutigen Präsidenten Nicolas Sarkozy erhoben. Er soll in Schmiergeldzahlungen an pakistanische Behörden und Rückflüsse in die Kassen des damaligen Premierministers Edouard Balladur verwickelt gewesen sein. Der Anschlag wird als Racheakt der pakistanischen Armee für das Ende der Schmiergeldzahlungen gewertet.

Eine Sprecherin der Hinterbliebenenfamilien sagte am Donnerstag, Sarkozy weigere sich, sie zu empfangen. Dabei habe er noch vor vier Jahren versprochen, an ihrer Seite zu stehen. "Sie haben uns nicht nur verlassen, sondern wir sind uns auch bewusst geworden, dass Sie uns angelogen haben", sagte Sandrine Leclerc. "Heute verlangen wir Rechenschaft, Sie müssen uns die Wahrheit sagen, Sie können nicht fortfahren, auf diese Weise zu lügen."

Elysee-Palast verweigerte Stellungnahme

Die Hinterbliebenen fordern eine Zeugenaussage von Sarkozy in der Korruptionsaffäre, nachdem Ex-Verteidigungsminister Charles Million am Donnerstag vor Gericht deren Existenz eingeräumt hatte. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Zeugenaussage von Präsident Sarkozy aus Immunitätsgründen nicht stattfinden wird. Der Elysee-Palast verweigerte am Donnerstag jede Stellungnahme. Schon vordem hatte Sarkozy die Anschuldigungen der Hinterbliebenenfamilien in der Affäre als "Märchen" abgetan.

Der sozialistische Abgeordnete Jean-Christophe Cambadelis forderte den Präsidenten zu einer Stellungnahme auf. "Ansonsten wird diese Affäre für Sarkozy sein, was die Affäre der Diamanten für Präsident Valery Giscard d'Estaing war", sagte Cambadelis im Radiosender "France Info" in Anspielung auf Diamanten, die der ehemalige Herrscher von Zentralafrika Jean-Bedel Bokassa dem französischen Ex-Präsidenten geschenkt hatte.

Bei Anschlag starben 14 Menschen

Bei dem Selbstmordanschlag in Karachi waren am 8. Mai 2002 14 Menschen gestorben, darunter elf französische Ingenieure, die am Bau von U-Booten für den Pakistan arbeiteten. Zunächst wurden islamische Extremisten hinter der Tat vermutet, doch verdichteten sich Hinweise auf eine Urheberschaft der pakistanischen Armee. Es soll sich um eine Repressalie dafür gehandelt haben, dass die Franzosen versprochene Bestechungsgelder nicht ausgezahlt hätten.

Millon erklärte Untersuchungsrichter Renaud Van Ruymbeke, die Zahlungen seien nach der Präsidentenwahl vom Mai 1995 auf Anordnung des wiedergewählten Staatsoberhaupts Jacques Chirac ausgesetzt worden. Chirac habe einen teilweisen Rückfluss der Gelder in die Kassen des Ex-Premiers Balladur vermutet, der damit seinen Präsidentschaftswahlkampf finanziert habe. Der damalige Budgetminister Sarkozy soll nicht nur die - damals legalen - Schmiergeldzahlungen an Pakistan organisiert haben, sondern auch die Rücküberweisungen an Balladur. Hinweise darauf enthält ein der französischen Justiz vorliegender luxemburgischer Polizeibericht.

Zwei Millionen Euro Bestechungsgeld

Die Ermittlungsbehörden kamen auch in den Besitz von Unterlagen des französischen Verfassungsrats, die darauf hinweisen, dass 13 Millionen Francs (etwa zwei Millionen Euro) auf unerklärte Weise in die Kassen des Präsidentschaftskandidaten Balladur geflossen seien. Der konservative Politiker will das Geld durch den Verkauf von T-Shirts lukriert haben. Laut Millon hat der französische Geheimdienst neben Chirac auch dessen damaligen Generalsekretär Dominique de Villepin von der Affäre informiert. Die Hinterbliebenen fordern daher, dass auch die beiden vom Untersuchungsrichter einvernommen werden. Der Geheimdienst hatte während des Wahlkampfs die Telefone Balladurs, seiner Mitarbeiter, sowie von Verteidigungsministers Francois Leotard abgehört. (APA)