Eine erstmals durchgeführte Studie über die Situation von behinderten Menschen in ihrem jeweiligen Heimatland stellt Österreich ein durchschnittliches Zeugnis aus. Ziel des von der Essl Foundation ins Leben gerufenen "Essl Social Index für Menschen mit Behinderungen" (ESI-DG) sei es, anhand von konkreten Beispielen sichtbar zu machen, inwieweit sich die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen bisher in das Rechtssystem und die Praxis niedergeschlagen hat und Verbesserungsvorschläge zu liefern, erklärte die Organisation in einer Aussendung.

Für die Studie wurden von Stiftungen, NGOs und Interessenvertretungen 44 Sozialindikatoren entwickelt, erhoben und anschließend mit einem Ampelsystem verglichen. Im ersten Anlauf haben 30 Organisationen aus 15 Staaten - vorwiegend aus Europa, aber auch die USA und Kanada - teilgenommen. Eine genaue Reihung der Länder sei aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich, tendenziell lasse sich aber feststellen, dass skandinavische und iberische Staaten weiter vorne liegen, Kontinentaleuropa - und damit auch Österreich und Deutschland - im Mittelfeld platziert ist und Zentraleuropa eher schlechter abschneidet.

Gesamt gesehen wurde festgestellt, dass es weder bei öffentlichen Gebäuden noch Verkehrsmitteln eine universelle Zugänglichkeit gibt und auch die Anerkennung der Rechte bzw. der Zugang zum Justizsystem - vor allem in angloamerikanischen Staaten - Defizite aufweisen. Große Unterschiede gibt es laut der Studie auch beim inklusiven Bildungssystem und beim Zugang zu Beschäftigungsverhältnissen.

Keine umfassenden Statistiken

Speziell in Österreich sei problematisch, dass es keine umfassenden Statistiken über Behinderte (Alter, Geschlecht, Wohnform, Ausbildung, etc.) gebe, was bei tagespolitischen Entscheidungen nach Meinung der Autoren "bedenklich" sei. Bemängelt wurde u. a. auch, dass es Einschränkungen bei Heirat und Schwangerschaft gebe und Käfigbetten nach wie vor nicht verboten seien. Vorbildlich sei hierzulande hingegen, dass die Gebärdensprache als offizielle Sprache anerkannt sei und Personal in Einrichtungen nicht die Vormundschaft für die Patienten übernehmen darf.

Teilweise gibt es auch starke regionale Differenzen: Während in der Steiermark die schulische Inklusion auch im internationalen Vergleich mit 85 Prozent der Schüler weit fortgeschritten sei, gebe es etwa in Niederösterreich und Vorarlberg mit 37,6 bzw. 36,5 Prozent noch großen Nachholbedarf. Unterschiedlich weit fortgeschritten sei auch der barrierefreie Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und Transportmitteln.

Beim nächsten Anlauf im Jahr 2012 ist eine Ausweitung auf zumindest 30 Staaten geplant. Die wissenschaftliche Begleitung der Erhebung erfolgte durch den "KfW-Stiftungslehrstuhl für Entrepreneurial Finance" an der Technischen Universität München. (APA)