Jenö Eisenberger, einer der wichtigsten österreichischen Kunstsammler, wurde 85. Andrea Schurian sprach mit ihm über seinen Werdegang vom Billigkunstkäufer zum Qualitätssammler.

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Könnte sein, dass er schon 1922 geboren wurde, wie es manche Interneteinträge behaupten. Er selbst tendiert zum Jahr 1925, wobei - es ist eigentlich nebensächlich. Jede Begegnung mit Jenö Eisenberger in den letzten vier Jahren, die in dem folgenden Gespräch abgebildet sind, war ein Geschenk an Lebensweisheit, Humor - und eine Lektion in Bescheidenheit. "Ich war, und - ich glaube, es bleibt dabei - ich bin ein kleinbürgerlicher Lebensmittelhändler." Das ist fürwahr tiefgestapelt. Denn noch bevor Karl Wlaschek seinen ersten billigen Laden (Billa) aufsperrte, erfand Eisenberger den ersten Selbstbedienungsladen Österreichs, gründete 1961 die Lebensmittelkette Löwa und die Verbrauchermarktkette Pampam.

Mit seiner mehr als 1500 Objekte umfassenden Sammlung österreichischer Malerei des 19. Jahrhunderts, des Jugendstils, aber auch zeitgenössischer Kunst und von Judaica ist er für Museen weltweit ein begehrter Leihgeber - eine ungewöhnliche Karriere für den Sohn ostungarischer Juden, der die Nazizeit im Budapester Untergrund als Straßenjunge, ein Jahr davon verkleidet als Hitlerjunge, überlebte.

STANDARD: Wie und wann haben Sie Ihre Liebe zur Kunst entdeckt?

Eisenberger: Spät. Mit fünfzig. Und zufällig. Meine Frau war sehr gebildet, und ich habe sie einmal in New York ins Museum of Modern Art begleitet, weil ein Geschäftstermin ausfiel. Bei einem Magritte-Bild erklärt sie mir zehn Minuten: "Schau, diese Tiefe. Die Qualität. Schau dies, schau das." Sag ich: "Schatz, Geld hast du. Das Bild gefällt dir. Kauf es!" Sagt sie: "Das ist ein Museum." Ich: "Na, dann kostet es eben mehr." Draußen hat sie mir dann erklärt, was ein Museum ist. Und dass man in einem Museum nichts kaufen kann.

STANDARD: Wann haben Sie dann Ihr erstes Bild gekauft?

Eisenberger: Meine Frau hatte in Israel viele Malerfreunde. Ich fragte einen, wie viel ein Bild kostet. Er antwortet: "Zwei-, dreihundert Dollar." Sag ich: "Was ist, wenn ich fünf kaufe? Wird es dann billiger?" Alle haben gelacht. Aber ich habe in einer Woche vierzig, fünfzig Bilder gekauft. In Wien waren damals Arik Brauer und Ernst Fuchs sehr modern. Sag ich zu meiner Frau: "Die Leute sind deppert. Die kaufen einen Fuchs um 200.000 Schilling. Der Sohn macht ein Original um 2000. Kauf ich lieber fünf vom Sohn." Bald hatten wir sicher an die hundert Bilder.

STANDARD: Und wie wurden Sie vom Billigeinkäufer zum Qualitätssammler?

Eisenberger: Wieder durch Zufall. Ein Kunsthändler lud mich zu sich nach Hause ein. Da habe ich gesehen - es gibt andere Bilder als die, die ich kaufe. Superbilder. Drei davon wollte ich kaufen, die Namen der Künstler habe ich noch nie im Leben gehört: Emil Jakob Schindler, Tina Blau, Karl Moll. Dieser Freund wollte zuerst gar nicht verkaufen, dann um 640.000 Schilling. Mein teuerstes Bild damals kostete fünftausend Schilling! Ich bot 300.000. Nach fünf Wochen habe ich die drei Bilder um 420.000 Schilling gekauft. Meine Frau hat die Bilder umgedreht, um zu schauen, ob es Originale sind. (Lacht). Sie dachte, ich habe nur billige Kopien gekauft.

STANDARD: Diese Bilder haben Sie nach wie vor?

Eisenberger: Sie sind der Mittelpunkt meiner Sammlung. Klimt und Schiele: Das ist in meinen Augen mehr ein Bankbuch. Aber Schindler, Blau, Moll: Das ist österreichische Folklore. Und ich lebe in Wien. Ich lebe mit diesen nichtweltgebildeten Freunden. Warum sollte ich angeben und mir einen Picasso kaufen - und meine Freunde wissen nicht, was das ist. Wenn sie einen Schindler sehen, dann gefällt es ihnen. Die Bilder erinnern sie an Gegenden, die sie kennen. Es ist meine Weise, Österreich Danke zu sagen.

STANDARD: Warum sind Sie nach dem Krieg ausgerechnet nach Wien gekommen?

Eisenberger: Ich möchte es so sagen: Jedes Jahr fahre ich für einige Wochen nach Israel. Dann sagen meine Wiener Freunde: "Was? In dieses gefährliche Land fährst du? Bleib da!" Und wenn ich von Israel nach Wien zurückfahre, sagen meine israelischen Freunde: "Warum fährst du immer wieder in dieses Naziland zurück?"

STANDARD: Haben Sie unter Antisemitismus gelitten?

Eisenberger: Ich kenne dieses Wort nicht. Aber Neid gibt es. Als ich Anfang der 1960er-Jahre mein großes Geschäft in der Wiener Neulerchenfelder Straße eröffnet habe, komme ich am Freitag hin, stehen hundert Leute vor dem Geschäft. Aber keiner geht hinein. Zwei Frauen zeigen ein Inserat in der Kronen Zeitung: "Ich, Jenö Eisenberger, eröffne eine Lebensmittelgroßhandlung und bitte nur meine Glaubensgenossen zu kommen."

STANDARD: Aber das war doch purer Antisemitismus?

Eisenberger: Dieses Inserat hat ein Geschäftsmann aus der Gegend aufgegeben. Aber er war kein Antisemit. Er hatte bloß Angst vor Konkurrenz. Wir haben dann sogar zusammengearbeitet und waren bis zu seinem Tod befreundet. Mich überrascht nichts, man muss erst die Gründe wissen, warum die Menschen so sind, wie sie sind.

STANDARD: Vom Marktstandler zum Pionier im Lebensmittelhandel - wie war das bei Ihnen?

Eisenberger: Ich kam nach Österreich mit dreißig Schilling. Kein Mensch hat mich gekannt. Kein Mensch hat mir geholfen. Der einzigen Background, den ich habe, ist Glück. (Lacht) Und das hat mir noch nie geschadet.

STANDARD: Wenn Sie zurückblicken, gibt es Dinge, die Sie in Ihrem Leben bedauern?

Eisenberger: Ich habe 1984 vier Schiele-Bilder gekauft für fünf Millionen Schilling und sie zwei, drei Monate später für zwölf Millionen Schilling verkauft. Vier Schiele-Ölbilder! Die sind heute 100 bis 150 Millionen Euro wert. Bedaure ich das? Nein. Ich bedauere nur zwei Sachen: Erstens, dass meine Frau, die zwölf Jahre jünger war, schon gestorben ist. Und zweitens, dass ich nicht mehr jung bin. Diese zwei Sachen beschäftigen mich von früh bis abends. Warum. (Andrea Schurian//DER STANDARD, Printausgabe, 24. 11. 2010)