Ein eiskalter Killer (Tim Roth) kehrt in New York in sein Heimatrevier zurück. Das hat in James Greys "Little Odessa" nicht zuletzt fatale Auswirkungen auf den Rest seiner jüdischen Familie.

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Wien - Im Kino gehört die Stadt dem Gangster. Er ist der Preis, den die Zivilisation für ihren Fortschritt und ihre Modernisierung zu bezahlen hat, er beherrscht die Straßen, in denen das Gesetzbuch wieder vom Faustrecht abgelöst wird. Wie der Westernheld, durch den die Städte Amerikas befriedet werden und wachsen konnten, kann auch der Gangster als sein illegitimer Nachfahre nicht Teil der Gesellschaft werden. Wie sein Wegbereiter trägt auch er im Kino, am Höhepunkt seiner Popularität in den 1930er-Jahren, vornehmlich Hut und Waffe.

Doch im Gegensatz zum einsamen Westerner ist der US-Gangster Teil einer umtriebigen Gemeinschaft, in der Herkunft und Religion eine wichtige Rolle spielen. In den Klassikern des Genres, etwa in Francis Ford Coppolas The Godfather, sind es zumeist katholische Einwanderer, die einander so lange Schutz gewähren, bis sich an der Spitze der Macht die Bündnisse als Hindernisse erweisen. Dass es neben der italienischen Mafia und den ebenso mächtigen Iren jedoch eine weitere, aus osteuropäischen Immigranten gebildete Fraktion gab, hat der Gangsterfilm oft übersehen: die jüdische Kosher Nostra.

Entgegen ihrer humorvollen Bezeichnung, angelehnt an die sizilianische Cosa Nostra, nahmen die Mitglieder ihre Verbrechen - Alkoholschmuggel, Glücksspiel, Auftragsmorde - natürlich bitter ernst. Die jüdischen Gangster, deren Vorfahren um 1900 überwiegend aus Osteuropa eingewandert waren, konzentrierten sich dabei auf den Schmelztiegel New York. Dieser brachte aus ihren Reihen so schillernde Figuren hervor wie Monk Eastman, Meyer Lansky, Louis "Lepke" Buchalter oder Benjamin "Bugsy" Siegel, Sohn österreichisch-ungarischer Migranten.

Gangster-Generation

Die katholischen Gangster konnten im Kino einen weit prominenteren Stellenwert erlangen - sogar die jüdischen Coen-Brüder widmeten sich in Miller's Crossing der Fehde zwischen Italienern und Iren. Das liegt nicht nur an der genrebedingten Dominanz der Herkunft, sondern auch daran, dass die Kosher Nostra im Grunde auf eine einzige Generation beschränkt blieb: die ritualisierte Weitergabe einer "Verbrechenskultur" spielte in ihr keine Rolle.

Für das Kosher-Nostra-Genre resultiert daraus nicht nur die Vorherrschaft klassischer Biopics gegenüber einer ausgedehnten Chronik ( Bugsy oder Lansky), sondern die weitgehende Ausblendung von Familienschuld. In fast allen Kosher-Nostra-Filmen hängt die Geschichte von Aufstieg und Fall des Einzelnen somit weniger von herrschenden Machtverhältnissen ab, sondern von der Suche nach und dem Verlust von Familie: In Bugsy muss Warren Beatty in einer großartigen Szene seine Tochter mit einer Geburtstagstorte erfreuen, während er nebenan zugleich mit Mafiosi verhandelt.

Wie der jüdische Gangster an der Familie zerbricht, die er nicht besitzt, erforscht einer der besten Filme der Reihe: Mit Little Odessa löst sich James Grey von den übergroßen, historischen Figuren und siedelt seine Erzählung im russischen Viertel New Yorks Mitte der 1990er-Jahre an. Grey zeichnet das Bild eines eiskalten Killers (Tim Roth), der in sein Heimatrevier zurückkehrt und damit seine Familie sukzessive zerstört. Dass sein kleiner Bruder einmal im Kino sitzt und einen Western mit Burt Lancaster schaut, ist kein Zufall: Denn dieser Mann trug noch Hut und Waffe.

Dass das Jüdische Filmfestival wiederum dem Subgenre - neben einer schönen Reihe über das sephardische Kino - dieses Jahr einen eigenen Schwerpunkt widmet, ist keine Selbstverständlichkeit: Nach dem existenzgefährdenden Engpass der vergangenen Jahre konnte sich das Festival mittels leichter finanzieller Aufstockung wieder stabilisieren - wenngleich mit einem Budget, mit dem sich die Kosher Nostra sicher nicht zufrieden gegeben hätte. (Michael Pekler / DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2010)