Bild nicht mehr verfügbar.

Der Wahlkampf der Kandidaten der Regimepartei dominiert. Die Muslimbrüder treten nicht überall an, viele Liberale boykottieren.

Foto: EPA/Khaled

Die jungen Menschen im größten arabischen Land haben ganz andere Sorgen als die Politik.

*****

Die Dekoration ist typisch ägyptisch. Girlanden aus buntem Festzeltstoff hängen über den Pulten. In langen Reihen sitzen jungen Männer und Frauen am Telefon. Das Callcenter Xeed arbeitet in neun Sprachen und hat Kunden auf vier Kontinenten. Xeed hat seinen Sitz im Smart Village, einem Technologie-Park an der Peripherie der 20-Millionen-Metropole. Smart Village ist alles, was Kairo nicht ist: ausgezeichnete Infrastruktur, futuristische Architektur, saubere Straßen, üppiges Grün, reichlich Wasser und unterirdische Parkhäuser. Die Betreiber werben mit billigen, gut ausgebildeten Arbeitskräften. 30.000 sind es bereits, bis 2014 soll ihre Zahl auf 100.000 steigen.

Mohammed ist einer von ihnen. Er hat wie alle hier mindestens einen College-Abschluss und ein dreimonatiges Training hinter sich. Die Arbeit ist anspruchsvoll, die Qualitätskontrolle rigoros. Zwar gehört er zu den Glücklichen, die überhaupt einen Job haben, aber mit seinem Gehalt von 1000 Pfund (etwa 130 Dollar) im Monat kann der 25-Jährige wie Millionen andere von "normalen Dingen" wie einer eigenen Wohnung oder Heiraten nicht einmal träumen. "Eine Lösung auf Dauer ist das hier nicht" , meint er in einer ruhigen Minute.

Auswandern als Ausweg

Da liegt der Gedanke ans Ausland nah. "Das ist eine meiner größten Sorgen" , sagt Inji Amr, Ökonomin und Autorin eines Buches über ambitionierte junge Frauen aus der Mittelklasse. "Einige sind so verzweifelt, dass sie mit Booten übers Meer fahren und ihr Leben riskieren, und die Besten haben Zugang zu Stipendien im Ausland. Sie finden dort Jobs und bleiben und fehlen dann hier" , erklärt die 27-Jährige im Gespräch. Als Lösung schlägt sie vor, dass sich mehr junge Leute selbstständig machen müssten.

Ahmed Medhat schürft tiefer. "Korruption, fehlende Bildung und Armut sind die drei Grundübel" , weshalb Ägypten gegenüber andern Ländern in seiner Entwicklung immer mehr zurückfällt und die Schere zwischen vielen Armen und wenigen Reichen sich immer weiter öffnet. "Geld und Beziehungen sind die Voraussetzungen für Erfolg. Die Menschen verstehen nur die Sprache der Macht" , lautet seine Analyse. Der 30-Jährige hat sich in den letzten Jahren in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Bereichen engagiert, um einen Unterschied zu machen. Heute sagt er resigniert: "Du hast keine Chance, irgendetwas zu bewegen" . Die Spielräume sind eng. Der Ausnahmezustand schränkt die Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv ein. Der Geheimdienst hat jeden seiner Schritte genau verfolgt.

"Die Gesetze und das ganze System sind so modelliert, dass kein ernst zu nehmender Opponent zu Staatspräsident Hosni Mubarak emporkommen kann. Auch die Opposition ist zufrieden mit dem Spielraum, den sie hat, sie kämpft nicht für mehr" , lautet sein Fazit. Politik ist für junge Leute deshalb kein Thema. "70 Prozent der Jungen aus meinem Kreis, das heißt gebildete Mittelschicht, haben keine Ahnung von den bevorstehenden Wahlen. Sie kämen nie auf die Idee, daran teilzunehmen" , sagt der junge Aktivist.

"Die jungen Leute sind heute dem politischen System vollkommen entfremdet. Sie sind gleichgültig und teilnahmslos. Wegen der vielen Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, fragen sie sich, was ihnen die Regierung gegeben hat, sodass sie im Gegenzug auch etwas tun müssten" , erklärt Madiha el-Safty, Professorin an der Amerikanischen Universität in Kairo. Diese Entwicklung werde schlimmer und schlimmer, weil die Jungen sehen würden, dass sie nichts tun könnten, was wirklich zählt, und sie nichts zu sagen hätten, zu dem, was um sie herum geschieht, führt Safty weiter aus.

Die rasante Verbreitung von Facebook und Twitter haben zwar neue Möglichkeiten der Kommunikation geschaffen. Da gebe es zwar mehr Protestbewegungen als früher, das sei aber immer noch eine verschwindende Minderheit, fügt die Soziologin an.

In einer Twitter-Diskussion unter jungen Leuten schrieb ein Teilnehmer: "Die Ägypter leiden, aber wenn die Fußballnationalmannschaft ein Tor schießt, vergessen sie all ihre Leiden." Tatsächlich hat nur der Fußball-Streit zwischen Ägypten und Algerien im Vorjahr die Menschen wirklich bewegt. Ein paar Fußballkommentatoren ist es gelungen, das ganze Land aufzuhetzen. Medhat nennt dies "Paparazzi-Kultur" .

Fehlen von Demokratie

Die Regierung habe keine strategische Vision, sind sich der junge Aktivist und die Ökonomin einig. "Die Menschen haben realisiert, dass das Regime nicht nur die Macht monopolisiert hat, sondern auch ihr aktuelles und künftiges Leben. Das Fehlen von Demokratie ist der Hauptgrund, weshalb sich die Gesellschaft in isolierte Inseln aufspaltet und sich jede von der anderen entfremdet fühlt", schreibt der unabhängige Publizist Fahmy Howeidy. Dass sich daran bald etwas ändern könnte, glaubt niemand. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2010)