Wien - Die Anzeichen mehren sich, dass der jetzige Euro-Rettungsschirm nicht halten wird. Spätestens wenn Spanien den Schutzmechanismus aktivieren sollte, würden die Mittel nicht ausreichen. Generell zeigt sich, dass die Euro-Währungspolitik auf Bluffs setzte. Das war schon beim Ausbruch der Finanzkrise so, als Sparer mit einem unlimitierten Schutz ihrer Einlagen beruhigt wurden. Das funktionierte recht gut, obwohl schon damals, 2008, klar war, dass die EU-Länder nie in der Lage sein würden, tatsächlich das ganze Sparvolumen zu garantieren, sollten die Kunden ihre Gelder bei den Banken im großen Stil abheben.

Hellas-Karte sticht nicht

Spätestens im Fall Griechenland taugte der Bluff nicht mehr. Erst wurde beteuert, Athen brauche keine Hilfe, dann setzte die EU auf einen Rettungsring von 45 Milliarden Euro. Als das die Märkte nicht beruhigen konnte, musste die Eurozone mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf 110 Mrd. Euro nachbessern. Doch bisher hat die Aktion die Situation nicht nachhaltig entschärft, denn niemand weiß, wie sich Griechenland nach Ablauf der Hilfe Ende 2013 finanzieren soll. Kein Wunder also, dass an den Kapitalmärkten mit weiteren Finanzierungsproblemen für Athen gerechnet wird. Die Analysten von Evolution Securities in London gehen davon aus, dass die griechische Regierung allein im Jahr 2014 39 Milliarden Euro von den IWF-EU-Krediten zurückzahlen muss.

Die Märkte wollen sehen

In Irland schließt sich der Kreis. Der Bluff mit den garantierten Einlagen aus 2008 wurde durchschaut, nachdem die Gefährdung der Banken und die mangelnde Potenz Dublins zur Finanzierung des Geldsektors unübersehbar geworden war. Dass nach Irland Portugal als nächster Kandidat für einen Rettungseinsatz gilt, hängt nicht zuletzt mit Spanien zusammen. Die Banken haben im kleinen Nachbarland Kredite im Ausmaß von 59 Mrd. Euro ausständig, das ist nach Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich knapp ein Drittel aller ausländischen Forderungen.

Die im Raum stehende Hilfe für Lissabon kann somit als nächster Bluff betrachtet werden: Wenn Portugal gesichert ist, braucht sich niemand Sorgen um Spanien und seine Banken zu machen, so die Hoffnung. Glauben die Märkte diese These allerdings nicht, käme man an die Grenzen des bestehenden Rettungsschirms.

Erweiterung überlegt

Nicht ausgeschlossen ist daher, dass der Poker Politik gegen Märkte bald in die nächste Runde geht. Um die tagtäglich steigenden Zinskosten in den Griff zu kriegen, wird bereits überlegt, den 750-Milliarden-Euro-Schirm zu erweitern. Das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Institut schlägt 1,25 Billionen Euro vor, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung gar 1,5 Billionen Euro. Der Ökonom Willem Buiter hält sogar zwei Billionen Euro für notwendig und sieht dabei vor allem die Europäische Zentralbank in der Ziehung, die das Geld seiner Meinung nach aufbringen soll.

Am Wochenende soll es ein Krisentreffen der EU-Finanzminister geben, auch die Regierungschefs sind involviert. Aber kann die Markt-Hysterie so wirklich eingefangen werden? "Eine weitere Aufstockung des Rettungsschirms wäre nicht hilfreich", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Group auf Standard-Anfrage. "Es wäre nur ein Anreiz für die Märkte zu testen, ob die Politik diesen größeren Hilfsrahmen voll einsetzt." Der Euro reagierte auf die jüngsten Spekulationen jedenfalls negativ und sank am Freitag auf 1,323 Dollar, knapp vier Prozent unter Wochenbeginn.

Die Europäische Zentralbank spielt in der aktuellen Krise eine große Rolle. Sie teilt Geld innerhalb der Eurozone um. Heute beziehen Banken in Irland, Griechenland, Portugal und Spanien 93 Prozent der gesamten Überschussliquidität im Europäischen Zentralbanksystem.

EZB: Geben und Nehmen

Geld, das beispielsweise von österreichischen und deutschen Banken bei der Zentralbank hinterlegt wird, stattet so die wackelnden Banken in Europas Peripherie mit Liquidität aus. Österreichs Banken haben laut Daten von CreditSights bei der EZB 28 Mrd. mehr angelegt als ausgeborgt. Damit sind heimische Institute der größte Financier der Notenbank in der Eurozone.

Der wesentliche Auffassungsunterschied zwischen Politik und Märkten ist die Ursache der aktuellen Krise. Vertreter von EU und EZB versuchen die aktuellen Risikoaufschläge an den Kapitalmärkten als "Vertrauenskrise" abzu- tun. Doch Kapitalmarktakteure wie Fondsgesellschaften gehen längst von einer fundamentalen "Solvenzkrise" aus. Die Lösung müsste dann anders aussehen: "In diesem Fall braucht es nicht einfach mehr Schulden oder Garantien auf Schulden," betont etwa Louis-Vincent Gave, Geschäftsführer des unabhängigen Finanzanalysehauses Gavekal. "Um eine Solvenzkrise zu lösen, braucht es mehr Eigenkapital im Finanzsystem." Wenn die Karten endgültig auf den Tisch gelegt werden, droht der Euro-Bluff ganz aufzufliegen. (sulu-goas, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.11.2010)