Die großen Blasen sind geplatzt, nicht nur an den Finanzmärkten. Auch Josef Prölls Popularitätshoch hat sich als luftiges Trugbild entpuppt, der einstige Krisengewinnler muss einen schweren Konjunktureinbruch verdauen. Insofern war die Budgetrede, durch die der Vizekanzler am Dienstag im Parlament holperte, stimmig: eine pointenlose, uninspirierte Auflistung von Zahlen und Stehsätzen, das rhetorische Äquivalent zu einer großen Depression. Nicht einmal die ÖVP-Abgeordneten bequemten sich zu Standing Ovations.

Originell war nur die Märtyrermasche, mit der sich Pröll aus dem Jammertal zu retten versuchte. Er habe sich "in diesen Stunden und Tagen" eben entscheiden müssen, ob die Kreditwürdigkeit des Landes oder die eigenen Umfragewerte in den Keller rasseln - und natürlich Zweiteres gewählt. Preiset den Finanzminister, der sich für euch hingegeben hat: Da ging mit Pröll offenbar der Katholik durch. Er hat in seiner Rede ja auch "mehr Glauben statt Gläubiger" gefordert.

Mit Opfermythen ist dieses Land noch nie gut gefahren. Josef Pröll braucht sich nicht darüber wundern, dass gerade er den geballten Zorn über das Sparpaket abbekommt. Kanzler Werner Faymann ist für die Einschnitte zwar nicht weniger verantwortlich. Anders als der Finanzminister hat Faymann aber nicht derart überzogene Erwartungen geschürt, wie sie Pröll nun auf den Kopf fallen.

Mit einem Schmäh ging der ÖVP-Chef bereits bei seiner Grundsatzrede vor einem Jahr hausieren; das postulierte Nein zu neuen Steuern hielt nur kurz. Pröll verteidigt seine a priori unrealistische Ansage bis heute: Sonst hätte es noch weniger Sparmaßnahmen und mehr Steuererhöhungen gegeben. Fragt sich nur, wem das genützt hat - dem viel beschworenen Mittelstand wohl kaum. Diesem hätte eine höhere Grundsteuer oder eine Erbschaftssteuer, die stark konzentriertes Vermögen anknabbert, weniger wehgetan als Sozialkürzungen, die Familien tausende Euro pro Jahr kosten können.

Eine andere Illusion, die Pröll eine Zeit lang verkauft hat: "Kein Sparpaket auf dem Rücken der Bürger" , stattdessen Sparen bei der Verwaltung. Auch dieses Luftschloss war zum Einsturz verurteilt, nicht nur wegen der erwartbaren Blockade der Landeshäuptlinge. Selbst die tollste Spitalsreform würde nicht rasch genug Geld in die Kassen spülen, um die Budgets der nächsten Jahre zu sanieren - die Dinge sind eben komplizierter, als das Spindoktoren bisweilen suggerieren.

Prölls Ausrede, die SPÖ habe nicht mehr zugelassen, zieht nicht. Vermutlich ist Faymann die Verwaltungsreform in der Tat schnurzegal. Doch ein Finanzminister, der neues Steuergeld in die Länder schaufelt, ohne vorab Bedingungen zu stellen, ist als Tabubrecher halt auch nicht glaubwürdig.

Bis zuletzt hat Pröll dick aufgetragen, als er dem Budget eine fast mythische Aura verpasst hat. Von einem Paket, wie es Österreich noch nie gesehen hat, sprach der Minister. Wenn dann ein biederes Rasenmäher-Sparprogramm herauskommt, das viele harte Kürzungen bringt, aber im Staat kaum etwas zum Besseren verändert, fühlt sich das Publikum gefrotzelt.

Natürlich kann ein Politiker in einer Koalition nicht sämtliche Wünsche durchbringen. Aber sachliche Forderungen mit Bodenhaftung sind etwas anderes als Verheißungen von einem alle glücklich machenden Wunderwerk. Den Unterschied kann Josef Pröll an seinen Umfragedaten ablesen. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2010)