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Tony Blair "Puppet"

Foto: APA/Phil Noble

Der Oxford-Student Tony Blair war 22, als seine Mutter Hazel an Krebs starb. "Ein Schlüsselerlebnis", sagt sein Bruder Bill. "Nach Mutters Tod hat ihn der Ehrgeiz gepackt. Er wollte es allen zeigen, sich ihrer als würdig erweisen."

Dienstag wurde Tony Blair 50, und so intensiv wie nie durchleuchten die Briten sein Privatleben. Denn noch immer gibt er ihnen Rätsel auf. Vor kurzem grinste er noch so markant, dass sie ihn spöttisch "Bambi" nannten, nach Disneys Trickfilm-Reh. Jetzt guckt er so ernst, als müsste er ständig Trauerreden halten. Erst wollte Blair die Sozialdemokratie reformieren, jetzt sind vor allem die Konservativen stolz auf ihn: Gäbe es bei den Torys eine Kandidatenkür über Parteigrenzen hinweg, er würde sie klar gewinnen.

Blair versteht sich als moderner Reformer und ist zugleich tief religiös, liest im Urlaub die Bibel - "Auch Jesus war Modernisierer", argumentiert er. In sechs Amtsjahren hat er mehr Kriege geführt, vom Kosovo über Afghanistan bis Irak, als es seit 1945 irgendein britischer Premier vor ihm tat. "Die Sphinx in der Downing Street", raunt es im Feuilleton. "Wer ist eigentlich der wahre Tony Blair?"

Das ist die Stunde des Bruders. Bill Blair, drei Jahre älter als Tony, plaudert zum ersten Mal aus dem Nähkästchen, auf dass man den Rätselhaften besser verstehe. Rückblick, die 60er-Jahre: Vater Leo war drauf und dran, bei den Torys Karriere zu machen. Der Professor, der an der Universität Durham Jura lehrte, kämpfte um einen Sitz im Unterhaus. Doch mit 42 erlitt er einen Schlaganfall und konnte eine Zeit lang nicht mehr sprechen - das Ende aller Träume.

Leo Blair, meint Bill im Observer, übertrug seinen ganzen Ehrgeiz auf den zweiten Spross. Auch Tony wurde Jurist, und dass er aus konservativem Elternhaus stammt, merken Kritiker heute bei jeder Parlamentsrede an: "Wie der Vater, so der Sohn."

Sechs Jahre nach Leos Schlaganfall diagnostizierten die Ärzte bei Hazel Blair Schilddrüsenkrebs. Die schüchterne Frau sei der "Fels" der Familie gewesen, erzählt Bill. "Ihr Tod war ein Trauma für Tony und uns alle." Aber auch der Punkt, an dem Tony glaubte, sich beweisen zu müssen. Seine Jugendjahre, sagte er jüngst, hätten ihn hart gemacht. Seitdem schätze er ein festes Urteil mehr als brillante Intelligenz.

Erzogen wurde er auf einem berühmt-berüchtigten Elite- internat, wo nur kaltes Duschen erlaubt war und Stockhiebe als pädagogisch wertvoll galten. Mit 13 fing Jung-Tony am Fettes College in Edinburgh an. "Die Härtesten überlebten, das war das Ethos der Schule" - Nick Ryden, heute Anwalt in Edinburgh, erlebte den Klassenkameraden Blair als jemanden, der gern debattierte und ein guter Schauspieler war - "das ist es wohl, was man in der Politik braucht". "Er wusste, wie man sich aus der Klemme redet."

Schreien wie Jagger

Mark Ellen studierte zur selben Zeit wie der spätere Labour-Star in Oxford. Zusammen mit Sänger Blair spielte er in einer Rockband, die sich "Ugly Rumours" nannte, "Hässliche Gerüchte". Tony Blair, erzählt er, stand immer im Mittelpunkt. "Er war ein großer Fan von Mick Jagger. Auf der Bühne konnte er fast so schreien wie Jagger. Ein glänzender Darsteller."

Der grinsende, schauspielernde, Gitarre zupfende Tony Blair schaffte als "Mister Nice Guy" den Aufstieg in der Labour-Partei. 1994, nach dem Tod des Parteivorsitzenden John Smith, überredete er seinen Rivalen Gordon Brown, angeblich bei Rotwein beim Italiener, ihm den Vortritt zu lassen. 1997 wurde Labour, weichgespült zu New-Labour, mit riesiger Mehrheit an die Regierung gewählt. Der Rest ist Geschichte.(DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2003)