Im Robert-Schwentke-Film R.E.D. bricht ein pensionierter CIA-Spitzenagent in die Zentrale des US-Geheimdienstes ein, weil er um sein Leben fürchtet. Er bemüht sich gar nicht, das Sicherheitssystem zu knacken, weil er einen Schwachpunkt des Gebäudes kennt: die Wände aus Gipskarton.

Diese kurze Passage des Films ist ein Schlüsselereignis, symptomatisch dafür, warum so viele Angriffe auf mächtige Systeme so erfolgreich sind. Auch die jüngsten "Einbrüche" in die diplomatischen Archive der USA sind damit zu erklären, dass Hochsicherheitstrakte letztlich nicht sicher sind. Sie sind vor Intelligenteren als den Sicherheitsingenieuren des jeweiligen Staates oder der jeweiligen Firma nicht geschützt.

Aus der momentan Medien und Gespräche beherrschenden Wikileaks-Affäre lernen wir erstens, dass künftige Angriffe auf geheime Dossiers und die Planung künftiger Kriege der klassischen Spionage nicht mehr bedürfen. James Bond hat ausgedient, gefragt sind Hacker à la Julian Assange und dessen Helfer. Diese Figuren gibt es schon lange, aber sie werden immer effizienter.

Die publizistischen Angriffe à la Wikileaks und die neuen Kriege wie die des islamischen Terrorismus profitieren von den Chancen, die ihnen das Internet und die Medien bieten. Assange und Osama Bin Laden agieren mit den Portalen und Netzwerken der modernen Welt. Gleichzeitig haben beide genug Geld, um sich vor Häschern zu verbergen.

Die Unterschiede zwischen den beiden sind ebenfalls evident. Assange will das westliche System nicht stürzen, er hat es nicht auf Menschenleben abgesehen. Er will keinen diktatorischen Gottesstaat errichten. Assange greift an, Bin Laden führt Krieg.

Die Verantwortung des Wikileaks-Gründers für die Publizierung der Daten ist gleichwohl fragwürdig: Es geht nicht nur um Transparenz. Es gibt mögliche Schäden, die einen demokratischen Staat gefährden können. Die Stärke von Wikileaks gegenüber jenen, die Assange verhaften wollen, ist freilich groß: Selbst wenn der Kopf weg ist, bleiben die Daten im Umlauf.

Ein drittes Phänomen ist das des medialen Umgangs mit den Daten. Deren massiv getrommelte Erst-Veröffentlichung durch die New York Times und andere renommierte Zeitungen zeigt, dass selbst Qualitätsmedien das Risiko nicht scheuen. Time fordert sogar dazu auf, für Assange zu stimmen. Das heißt aber auch: Sollte die US-Justiz oder die eines anderen Nato-Staates Assange den Prozess machen wollen, hätten sie einmal mehr die Medienöffentlichkeit gegen sich. Und Barack Obama hätte ein massives Problem: die Einschränkung der Medienfreiheit im Freiheitsmodell USA.

Während US-Außenministerin Hillary Clinton mit scharfen Tönen gegen Wikileaks auftritt, üben sich europäische Politiker in gespielter Gelassenheit. Die Devise: "Abwarten und Teetrinken".

Die Frage ist nur, was passiert, wenn eine der Veröffentlichungen, zum Beispiel über illegale Geschäfte einer internationalen Großbank, zu Kursstürzen oder gar zu Rücktritten in der Spitzenpolitik führt. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2010)