Bild nicht mehr verfügbar.

Am liebsten wäre er selbst zum Buch geworden: Arno Schmidt, der spröde Bargfelder Zettel-Flicker und literarische Einzelgänger von beispielloser Belesenheit.

Foto: Archiv

Wien - Arno Schmidts Überbuch Zettel's Traum erzählt vor allem vom Willen seines Verfassers zu superlativischer Größe: Wen die Aussicht auf die Lektüre von 1530 DIN-A-3-Seiten nicht abschreckt, an den werden allerlei Mehrwerte ausgehändigt. Zunächst: Zettel's Traum wird seit seiner Ersterscheinung gewiss ehrfürchtig behandelt. In die Glossen der sporadischen Leser mengt sich aber auch ehrliches Misstrauen.

Schmidt (1914-1979), der ebenso spröde wie schrullige Einzelgänger unter den deutschen Nachkriegsautoren, baute sein erstes Typoskript-Buch - zweieinhalb weitere sollten bis zu seinem Tod noch folgen - aus Proben einer beispiellosen Belesenheit zusammen. In Zettel's Traum verwendet Schmidt seine ganze Gelehrsamkeit darauf, einen durchschnittlichen Julitag von morgens halb vier bis weit in den nächsten Tag hinein zu durchpflügen.

Nach den Gesetzen von Fabel und Handlungsbau passiert nicht viel Weltbewegendes. Ein in einem Heidedorf namens Ödingen (!) lebender Autor nutzt den Besuch einer Übersetzerfamilie, um eine von ihm entwickelte Literaturtheorie anhand der Werke Edgar Allan Poes zu erläutern. Nun verhält es sich so, dass besagter Herr Daniel ("Dän") Pagenstecher nicht nur ein täuschend echtes Abbild seines Schöpfers abgibt. Weil der Schriftsatz des Buches sich über drei parallel geführte Spalten erstreckt, beanspruchen die links und rechts beigefügten Kommentare die volle Autorität gleichwertiger "Stimmen".

Der Autor, und mit ihm der Hauptheld, ist so wenig Herr im Haus der Sprache wie nur je ein Urheber vor ihm. Schmidt hatte sich gewisse tiefenpsychologische Grundannahmen des Doktor Freud mit einiger Kaltschnäuzigkeit zu eigen gemacht. In den Schriften der größten Dichter könne man das Obwalten unbewusster Regungen beobachten. Erst wer die Lautstruktur der Wörter oder Wortgruppen auf deren verborgenen Nebensinn hin abhört, vermöchte zu sagen, was der Dichter "wirklich" gemeint hat.

Die Folgen dieses unablässigen Schürfens nach zotigen Fehlleistungen sind ebenso zwerchfellerschütternd - wie leider auch fatal. Von nun an setzt es "Ficktionen", regnet es "Ficksterne", treibt der Autor "Arschäologie", lässt er die Sprache tüchtig "vaginabundieren". Nicht immer lässt sich der Verdacht zerstreuen, der Gewinn, den Schmidt mit seiner "Etym"-Theorie einstreift, laufe auf ein paar wenige Grundeinsichten hinaus: Auch den tüchtigsten Abwehrmechanismen der Psyche gehen eben immer wieder Sauereien durch die Lappen.

Zum anderen darf Zettel's Traum aber eben auch als monumentale Klageschrift zum großen Abschiednehmen gelten. Herr Pagenstecher ist der Hans Sachs unter den großen deutschen Romanfiguren: Eben weil er auf die Gunst der ebenso betörenden wie enervierend altklugen 16-jährigen Franziska ("Fränzl") Jacobi verzichten will und muss, kann er seine Feinhörigkeit überhaupt ausbilden. Nur wer impotent ist, vermag vom Born der Erkenntnis wahrhaft zu trinken. Was nicht heißt, dass ihm die Übersetzer-Tochter als Lolita nicht tüchtig zusetzt: "Es saß & gaukelt. Fränzchen & show=killed."

Wer Lust auf das Herstellen von Querverbindungen verspürt, wird Zettel's Traum, dieses unmögliche Buch, in sein Herz schließen. Er wird sich allein schon durch das Schriftbild auf Voyeursneigungen bei E. A. Poe gestoßen fühlen. Er wird zauberhaften Verwandlungen beiwohnen und erleben, wie in Franziska der Pygmalion-Mythos wiederaufersteht, wie Wettergeister umgehen und Natur in Panoramen zusammenfließt. Auch die Kennerschaft von Joyce' nebulösem Finnegan's Wake dürfte nicht von Nachteil sein.

Nur eines wird kein Leser von sich jemals sagen können: Er sei mit Zettel's Traum zu einem Ende gekommen. Versteckt hinter einer Eiche sieht der alternde Schriftsteller der Gastfamilie bei der Abreise zu. Ihm bleiben "WahnWeltn im FrazznHaus". Dem absonderlichen Weltflüchtling Schmidt blieb das Text-Flickwerk am heimischen Zettelkasten in Bargfeld. Wenn er gekonnt hätte, wäre aus ihm selbst ein Buch geworden. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2010)