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Foto: AP/Danny Lawson, PA

Wien - Für die einen sind Völkerwanderung und Frühmittelalter "dunkle Jahrhunderte voll Gewalt und Aberglauben", andere verbinden damit romantisch-verklärte Vorstellungen. Historiker um Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ist es dagegen ein Anliegen, ein faktenorientiertes Bild zu zeichnen und - wenn möglich - Parallelen zu heutigen Entwicklungen zu sehen. Noch bis Samstag organisiert das Institut in Wien das Symposium Ethnic Identities in Early Medieval Europe.

"Der Zeitraum nach dem Ende der römischen Herrschaft in West- und Mitteleuropa war eine faszinierende Epoche politischen und kulturellen Wandels", erklärte Pohl. Das Christentum entwickelte und verbreitete sich, neue Völker und Staaten entstanden, viele Formen des Zusammenlebens veränderten sich. Erst nach und nach beginnen die Wissenschafter zu verstehen, wie all das miteinander zusammenhängt.

Christentum und ethnische Identitäten

Besonders interessiert sind die Wiener Forscher am Zusammenhang von Christentum und ethnischen Identitäten und möchten davon auch für die Gegenwart lernen. "Migration, Integration, Identität, religiöse Unduldsamkeit: Viele brennende Probleme unserer Gegenwart lassen sich aus der Distanz von über tausend Jahren besser verstehen", ist der Historiker überzeugt.

Als "Frühmittelalter" wird die Zeit von ungefähr 400 bis 1000 n. Chr. bezeichnet. Am Beginn stehen die Umwandlung der Römischen Welt und das Ende der römischen Herrschaft in West- und Mitteleuropa. Die Übergangszeit von etwa 400 bis 600 n. Chr. wird als "Völkerwanderungszeit" bezeichnet. Diese etwa 200 Jahre dauernde Phase intensiver Wanderungsbewegungen von der Peripherie ins reiche Zentrum des weströmischen Imperiums wurde laut Pohl "lange als Szenario des Schreckens ideologisch überzeichnet und politisch missbraucht, im Sinne einer großen Angsterzählung davon, was passiert, wenn sogenannte Barbaren als geschlossene Gruppen in zivilisierte Länder eindringen". Andererseits nahmen sich laut Pohl aggressive Nationalisten gerade diese Barbarenbilder zum Vorbild.

Suche nach besseren Lebensbedingungen

Die vielfältigen Wanderungsbewegungen zwischen 375 und 570 n. Chr. sind laut den Arbeiten der Wissenschafter keinem klar definierten Muster gefolgt. "Wir können aber belegen, dass - ähnlich wie heute - sich viele Menschen aus der Peripherie im Zentrum bessere Lebensbedingungen erhofften", sagte der Historiker. Die Größe dieser Gruppen variierte von wenigen Hundert bis zu einigen Zehntausend. Auch die Zusammensetzung dieser Kollektive fluktuierte.

Resultat dieser komplexen historischen Prozesse sei, dass mit den Königreichen der Völkerwanderungszeit in Europa vor eineinhalb Jahrtausenden Völker zur Grundlage politischer Macht wurden. Das eröffnet laut Pohl "zwei brisante Verbindungsachsen in unser Heute. Es entwickelte sich damals nicht nur die ethnische und politische Landkarte unseres gegenwärtigen Europa. Es etablierte sich auch die unseren Kontinent bis jetzt prägende Denkweise, die Welt als eine Landschaft von Völkern wahrzunehmen". (red/APA)