Ein kleines Quartheft von 116 Seiten, auf dem Umschlag vier Schriftzeichen: "Nian Nian Liu Si" (Immer an den Vierten Juni denken): Alle darin versammelten 20 Gedichte von Liu Xiaobo, die seine Frau Liu Xia mit melancholisch düsteren Bildern illustriert hat, haben den 4. Juni 1989 zum Thema, erinnern - im Jahresrhythmus von 1990 bis 2009 - an die Nacht, in der die Volksbefreiungsarmee den Demonstrationen der Studenten ein Ende setzte. Der damals 34-jährige Literaturdozent schloss sich im Mai seinen Studenten auf dem Tiananmen-Platz an und blieb bei ihnen, auch als die Panzer kamen. Als einer von vier Unterhändlern vereinbarte er mit der Armeeführung den friedlichen Abzug aller Studenten, um nicht noch mehr Blut zu vergießen. Als angeblicher geistiger Anstifter wurde er am 6. Juni 1989 verhaftet. Für 20 Monate saß er im Pekinger Prominentengefängnis Qincheng. Im Januar 1991 kommt er frei, nachdem er ein Reuebekenntnis abgelegt hat. In seinen Gedichten thematisiert er diesen "Moment meiner Schwäche" selbstquälerisch als "Verrat".

Von da an will er nie wieder feige sein. Liu verliert alle Illusionen über die Demokratisierungsfähigkeit der Partei und wandelt sich zum kompromisslosen Anwalt für politische Reformen, die er in friedlicher Weise verwirklicht sehen will. Peking verurteilt ihn im Mai 1995 zu sechs Monaten Sonderhaft und dann im Oktober 1996 zu drei Jahren Arbeitslager. Am 8. Dezember 2008 wird er als Hauptverfasser des Freiheitsmanifests "Charta 08" neuerlich verhaftet und ein Jahr später wegen Gefährdung der Staatssicherheit zu elf Jahren Haft verurteilt.

Das Schlussgedicht Der vierte Juni in mir, geschrieben 2001, hat Liu für seinen Sammelband neu überarbeitet und auf 2009 vordatiert. Nach seiner Verhaftung vollendete Liu Xia die Ausgabe und ließ sie in einem chinesischen Untergrundverlag in einer Auflage von 1000 Stück drucken. Es ist das einzige Buch von Liu Xiaobo, das in den vergangenen 20 Jahren (illegal) in der Volksrepublik erschien, wo er seit 1990 Berufs- und Publikationsverbot hat. Dem Gedichtband hat Liu einen Essay als Vorwort vorangestellt, indem er mit Chinas politischem System abrechnet. Zugleich legt er schonungslos offen, wie der vierte Juni zur Zäsur für sein Leben und Denken wurde und welche Angst er hat, seinem selbstgestellten moralischen und politischen Anspruch, für die Rehabilitierung des 4. Juni einzutreten, nicht zu genügen.

Prophetisch schreibt er: "Einem wie mir, der unter einem inhumanen System in Würde leben will, bleibt keine Wahl, als zu opponieren. Wer, wie ich, dafür in Haft kommt, braucht darüber kein großes Aufheben zu machen."

(Johnny Erling, Standard-Korrespondent in Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2010)

 

Immer an den vierten Juni denken

Aus dem gleichnamigen Sammelband von Liu Xiaobo, datiert zum 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, übersetzt von Johnny Erling


DER VIERTE JUNI IN MIR

Jener Tag

scheint weiter und weiter weg zu sein.

Aber für mich

steckt er wie eine Nadel in mir.

Sie gehört Müttern, die, seit sie ihre Kinder verloren,

an einem zerrissenen Traum nähen.

Sie sucht immerzu nach Händen,

die die Arbeit der Mütter übernehmen.

Diese Nadel

durchdringt suchend meinen Körper.

Stößt immer wieder an den Rand meines Herzens,

lauscht dort minutiös dem Schlag.

Manchmal

pikst sie außen an die Hülle,

löscht unreife Regungen und Sehnsüchte aus.


Diese Nadel

lauerte einmal lange am Herzensrand,

war schon entschlossen zum Stich bereit,

der meinen Missetaten ein Ende setzen würde.

Im Augenblick zur Tat

schreckte sie zurück,

wagte nicht durchzustoßen.

Sie weiß, wie zerbrechlich Leben ist,

das keinem Stich widerstehen kann.

Weiß, sie muss mir Raum und Zeit lassen,

will sie ihren Rost an meinem Blut abspülen.


Diese Nadel

zögert, aber nur

aus einem Grund,

weil sie die Hand noch nicht fand.


Das Wesen der Nadel ist grausam.

Sie möchte alles durchstechen,

sich an frischem Blut laben,

um alten Rost abzuspülen,

und die Haut blauschwarz schimmern lassen.


Diese Nadel aber

steckt in meinem Körper,

nur aus einem Grund.

Sie sucht nach der Hand,

die ihr zu fortwährender Gerechtigkeit verhilft.

Sie duldet keine schwachen Nerven noch mein Zittern.

Spitz wacht sie über mein Gewissen.


Das Schicksal hat mich der Nadel ausgeliefert.

An ihr werde ich früher oder später sterben.

Das ist so gewiss, wie ein Tropfen Wasser im Winter gefriert,

wie ein Auge vom gleißenden Sommerlicht geblendet wird.

Jetzt gerade, in diesem Augenblick,

spüre ich sie spitz und schneidend.

Sie glüht.

Ihre Schärfe vertreibt meine Schwäche.


Diese Nadel

kennt all das wirre Zeug, das ich im Schlaf stammle.

Gestern schreckte ich auf,

hörte sie in mir hell klingeln,

sah sie seltsam aufblitzen,

als wäre ein Regenbogen in mir.

Er bricht wie aus dunklen Wolken am Himmel,

überdauert alles, was ich schreibe,

ist so voller Lebenskraft.

Die Nadel flutet durch meinen Körper.

Immer, wenn sie mich ohne Absicht pikst,

strahlt sie stärker, wird schärfer,

zeigt, wie unerschütterlich ihre Berechtigung ist.


In meinem Körper

verbirgt sich eine tote Ecke, liegt brach.

Diese Nadel

lässt mich die Klagerufe der Toten hören.

lässt mich durch geschlossene Augen nachts klar sehen,

alles durchschauen.

Für aufgeblähte Verbrechen gibt es keine Ecke als Versteck.

Ich dringe zum Kern der Erinnerung vor,

zu dem Zeitpunkt des Verrats.

Falsches verdeckte das Gerechte,

meine Seele trennte sich vom Herzen.

Es war, als ob ein Unzüchtiger

mit schmutzigen Geschlechtsorganen

die Unschuld einer reinen Nacht besudelt.


Wie bitter kalt ist mir,

Nadel, was treibst du so ziellos umher,

lässt mein Blut gefrieren.

Entweiht sind die Gestorbenen,

geplündert ist der Friedhof, den sie nicht bekommen.

Ich sehe Kerzenflammen vor Marmorsteinen brennen.

Kann ihr Licht die Nadel schmelzen?

Kann die Nadel in mir zum Feuer werden,

um jedes Grab in der Nacht zu wärmen?

Ich warte auf die Hand,

die mit Geduld und Kraft zerrissene Träume flickt.

Lass die Nadel ins Herz stechen.

Die Schmerzen des Fleisches und der Schrei der Nerven

vergiften Gedanken,

aber erheben das Gedicht.