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Pantomimisch: Beppi (Sarah Viktoria Frick) und Sepp (Johannes Krisch) in "Stallerhof".

Foto: AP/Lilli Strauss

Wien - Als der Bayer Franz Xaver Kroetz in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine kritischen Volksstücke schreibt, herrscht auf den Höfen, in den Tälern seiner Heimat die Maulfaulheit. Menschen wie Beppi (Sarah Viktoria Frick), die "zurückgebliebene" Tochter der "Stallerhof"-Bauern, haben so lange zu kuschen, bis ein Elternteil das barsche Wort an sie richtet.

Jede elterliche Äußerung gleicht schon rein äußerlich einer brüsken Zurechtweisung. Wenn die Stallerin (Barbara Petritsch) im Kasino des Wiener Burgtheaters mit Beppi das Alphabet übt, malt sie es in die Luft.

Unerreichbar scheinen für diese Menschen die Segnungen der Kultur. Vertan damit die Hoffnung, dass sich an ihrem betrüblichen Los je etwas ändern werde.

Doch Regisseur David Bösch glaubt mit guten Gründen nicht mehr recht an Kroetz' schwarze Pädagogik: Der Autor zeigte vor bald 40 Jahren empörende, reaktionäre Verhältnisse, um radikal für deren Umsturz zu plädieren. Bösch, der "Stallerhof" mit Szenenmaterial aus dem Folgedrama "Geisterbahn" verkoppelt hat, denkt da gewitzter, und somit vielleicht noch radikaler.

Er erzählt das trostlose Leben der Beppi als beglückende Artisten- und Virtuosennummer, als Slapstickprogramm einer subversiv veranlagten Guerillakämpferin triumphierend nach. Er rettet somit scheinbar anstrengungslos Ehre und Würde einer Erniedrigten und Beleidigten.

Finstere Landschaft

Die Krone in dieser famos kleinteiligen, dabei hochkonzentrierten Produktion gebührt Frick: Mit malmenden Kiefern, die Augen hinter einer Sehhilfe mit Milchglas versteckt, blinzelt diese Fee auf die finstere Landschaft der bigotten Bauern. Christus der Herr hängt übergroß über der Bühne (Patrick Bannwart), auf der die Strohspelzen bis in die letzten Winkel hineinreichen.

Sarah Viktoria Frick vermag unter Zuhilfenahme eines Bügelbretts, eines Zerstäubers ein Ballett aufzuführen. Sie verlangt ihrem ein wenig plumpen Körper Virtuosenstücke ab, sobald der windschiefe, seinen Wattebauch vor sich herschiebende Knecht Sepp (Johannes Krisch) ihren Weg kreuzt.

Frick singt Karaoke und lässt die Kalenderspruch-Weisheiten ihres Vaters (in Schlachterschürze: Branko Samarovski) wie kurze Schauer auf sich niedergehen.

Erstickende Welt

Die Welt des Stallerhofs ist niederdrückend eng und gleichbleibend erstickend. Nichts erschütternder als Beppis Liaison mit Sepp, dessen sexuelle Regungen prompt an ein verendendes Tier denken lassen.

Und doch gewinnen in dieser Inszenierung alle praktisch alles: Regisseur Bösch, weil er Kroetz' Partitur bis in die letzten Verästelungen hinein nachlauscht, sie todernst nimmt und gerade deshalb die grimmige Komik in ihr erkennt. Das Ensemble, weil es auf Punkt und Kommastrich zur Stelle ist. Sarah Viktoria Frick, die das Leben einer Kindsmörderin in der Pantomime einer wahrhaft Emanzipierten nachzeichnet. Luftsprünge eines Erdgeistes: ein großes Kunststück. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 13.12.2010)