Wer ist jetzt in welcher Partei für oder gegen die Studiengebühren? Oder für oder gegen die Gesamtschule? Oder die Wehrpflicht? Keine Ahnung? Macht nichts. Ist eh wurscht.

Konversationen unter halbwegs politischen Bürgern enden derzeit meist mit Achselzucken. Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass wir es mit der schwächsten Regierung seit langem zu tun haben. Seit ihrem Amtsantritt hat sie die Weltfinanzkrise recht gut bewältigt, das muss man zugestehen. Der Rest ist populistisches Herumreden und Nichthandeln bei praktisch allen Themen, wo es um grundsätzliche Veränderungen geht. Zugedeckt wird das (hauptsächlich von der Kanzlerpartei SPÖ) durch Hineinschütten von Steuergeld in die drei Boulevardzeitungen. Deren überschwängliches Lob für Faymann ist jetzt zwar um einiges leiser geworden, aber Hauptsache, der unberechenbare dreiköpfige Höllenhund "Boulevard" fährt nicht plötzlich seinen Fütterern an die Kehle. Damit sind sie schon zufrieden.

Aufgabe für Publizistikstudenten: die Meldungen und Storys des letzten Jahres nach "österreichischen Ungeheuerlichkeiten, die den meisten wurscht sind" durchsuchen.

Eine kleine Auswahl: Der beliebte Volkstribun Jörg Haider hat kräftig mitgewirkt, die Landesbank zu ruinieren, und im Vorübergehen seinem Bundesland Kärnten eine 20-Milliarden-Haftung umgehängt, an die im Notfall der Bund zu kiefeln haben wird. Ein Milliardendesaster um den Skylink am Wiener Flughafen, herbeigeführt von politischen Günstlingen im Management. Die beiden Lokalfürsten Häupl und Pröll, Erwin, die das mitverursacht haben, geben sich aber weiterhin als die eigentlichen Herren der Republik. Ein ehemaliger Finanzminister steht unter schwerem Korruptionsverdacht im Zusammenhang mit Privatisierungen.

Oder: Die Justiz hoppelt den diversen Wirtschafts-Großpetiten hinterher. Gleichzeitig wird gegen ein paar - zugegeben schwer nervende - Tierschützer ein polizeilicher oder juristische Verfolgungszirkus aufgezogen, der seinesgleichen sucht, aber einer überforderten Richterin unter der Hand zusammenfällt. Der Justizministerin, die das geworden ist, weil sie sich im Elsner-Prozess populistisch-forsch gab, zertrümmert die Generalprokuratur das Urteil. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt verfolgt mit ebensolchem Eifer wie die Tierschützer einen ORF-Reporter, der angeblich zu H.-C. Strache ganz grauslich war, muss aber gezwungen werden, auch die Glaubwürdigkeit von Strache zu überprüfen. Es ist nicht möglich, die massenhafte Flucht in eine begünstigte Frühpension zu stoppen, die das Geld kostet, das in unseren verlotterten Universitäten bzw. im Schulsystem gebraucht würde.

Und so weiter. Achselzucken auch über das politische Personal. Kanzler und Vizekanzler - sie sind nicht verhasst oder so etwas. Nein, man traut ihnen nicht viel zu. Dahinter lauert schon die Überzeugung, dass auch der Demokratie nicht mehr viel zuzutrauen ist. Von Strache halten die meisten auch nicht viel, aber er wäre eine autoritäre Lösung, und zu der greift der Österreicher gern, wenn er plötzlich nicht mehr mit den Achseln zucken will. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 15.12.2010)