Abenteuer nach Sindbad: Maus und Kind in Narnia

 

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Wien – Zuerst die gute Nachricht: Die vier Pevensie-Geschwister dürfen nicht mehr vollzählig nach Narnia. Nachdem Peter und Susan am Ende von Prince Caspian der weitere Zutritt aus Alters- und Glaubensgründen untersagt wurde, dürfen im dritten Teil des Abenteuers nur noch Edmund und Lucy ins Reich der Fantasie. Sie sind noch jung genug, um an sprechende Löwen, weiße Hexen und säbelrasselnde Mäuse zu glauben.

Die schlechte Nachricht: Die Pevensie-Geschwister haben einen naseweisen Cousin namens Eustace. Er hat das Pech, zur für ihn falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nämlich während des Zweiten Weltkriegs bei sich daheim in London. Als Edmund und Lucy bei ihm untergebracht werden, projizieren die beiden ihre geballte Einbildungskraft auf ein Gemälde, auf dem ein einsames Schiff auf dem Ozean zu sehen ist. Dass im nächsten Moment das Zimmer mit meterhohen Wellen gespült wird und die drei Kinder in Narnia buchstäblich auftauchen, ist für die von C. S. Lewis erdachte und christlich verbrämte Parallelwelt bezeichnend: Narnia sei mit dir, und mit deinem Geiste.

Weil der Glaube also auch Ozeane versetzt, wird am Ende von Die Reise auf der Morgenröte / The Voyage of the Dawn Treader auch der ungläubige Eustace bekehrt sein. Lewis veröffentlichte die Chroniken von Narnia Mitte der 1950er-Jahre als siebenbändige Reihe, und so stilistisch bescheiden der langjährige Freund Tolkiens seine Kinderromane verfasste, so schlicht werden sie seither für die Leinwand adaptiert: Während wie in Alice in Wonderland die Grenze zwischen Realität und Fantasie durchlässig ist, herrscht in Narnia selbst eine klare Trennung von Gut und Böse.

Kampf gegen sich selbst

Kämpften die Pevensies im ersten Teil noch gegen Tilda Swinton als durchtriebene Eishexe und in der Folge an der Seite des schönen Erbprinzen Kaspian gegen mittelalterliche Thronräuber, erinnert Die Reise auf der Morgenröte nun am ehesten an die fantastischen Reisen Sindbads: Hier jagt eine Aufgabe so lange die nächste, bis endlich alle spektakulären Schauplätze abgeklappert sind.

Doch die wahre Mission der "Söhne und Töchter Adams und Evas", wie die Kinder in Narnia gerufen werden, ist eine andere: Zwar müssen sie diesmal, um vom heiligen Land das Böse in Gestalt eines grünen Nebels fernzuhalten, allerhand Sklaventreiber und Seeungeheuer bekämpfen, die echte Schlacht führen die Kinderkreuzfahrer auf ihrer Dschunke allerdings gegen sich selbst. Erliege nicht der Versuchung von Schönheit (gilt für Mädchen) oder von Macht (gilt für Buben), sondern befreie dich vom Irrglauben.

Nicht zufällig brandmarkte der Schriftsteller Philip Pullman die Reihe als "rassistische und reaktionäre Propaganda" – und kreierte mit His Dark Materials (Der Goldene Kompass) einen fantastisch-antiklerikalen Gegenentwurf.

Dass für den dritten Teil Shrek-Regisseur Andrew Adamson gegen Bond-Regisseur Michael Apted ausgetauscht wurde, spielt für das Ergebnis keine Rolle. Denn Narnias Gesetze sind derart repressiv, dass weder teure Regieeinfälle noch neue 3-D-Technik daran etwas ändern können. Am Ende stehen die drei Gläubigen vor einer meterhohen Sturzwelle, doch das einzig Richtige macht die Maus: Sie schnappt sich ein kleines Ruderboot und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Hinter ihr die Sintflut. (Michael Pekler/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2010)