Julian Assange ist wieder frei, wenn auch mit schweren Auflagen (Fußfessel). Und? Was wird jetzt? Die Gemeinde der Wikileaker und die weltweite Blogosphäre sind der felsenfesten triumphierenden Überzeugung, dass Assange eine neue, technologiegeleitete Welt der totalen Öffentlichkeit geschaffen hat. Nichts sei in Politik und Journalismus mehr so wie früher. "Das Zeitalter der Geheimnisse ist vorbei", jubelt Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs.

"Ein Paradigmenwechsel steht bevor", ruft Daniel Dopscheit-Berg, ehemaliger deutscher Wikileaks-Sprecher, der aber mit anderen von seinem Gott Assange abgefallen ist und die Konkurrenzorganisation "Openleaks" gegründet hat. Der Openleaks-Gründer Herbert Snorrason will "die Welt ein bisschen besser machen".

Assange bedient sich einer mit Heilsversprechen vollgestopften Sprache: Er verwendet das Christuswort von der "Wahrheit, die frei machen wird" , er beruft sich auf die "Propheten der Wahrheit, für die Befreier und Märtyrer der Wahrheit" .

Millionen Net-Citizens glauben jetzt auch, bei ihrer Informationsbeschaffung nicht mehr auf die, in ihren Augen korrupten, zumindest hoffnungslos zurückgebliebenen "alten Medien" angewiesen zu sein. Das klingt bei vielen Postings durch.

Die Wahrheit in diesem Fall ist allerdings, dass Wikileaks ohne die traditionellen Medien nur einen Bruchteil seiner Wirkung entfaltet hätte. Warum hat Julian Assange wohlweislich ein Abkommen mit einigen der angesehensten Printmedien der Welt geschlossen? Weil die NY Times, der Guardian, der Spiegel, El País und Le Monde die Glaubwürdigkeit, die journalistischen Ressourcen und, jawohl, das Ethos besitzen, der amorphen Datenmasse von 250.000 Botschaftsberichten etc. einen Sinn zu geben.

Seriöser Journalismus besteht aus Überprüfen, Sichten, Einordnen, Bewerten, Interpretieren, Gewichten, aus der Herstellung von Zusammenhängen und Bedeutungskontexten. Dazu bedarf es einer gewissen Qualität, Erfahrung, und, ja, auch Bildung. Darüber verfügen nur Qualitätsmedien.

"Wir brauchen euch nicht mehr, wir suchen uns selbst im Netz unsere Informationen zusammen!" So heißt es in tausend Postings. Genau, und deshalb ist das Internet auch ein Ozean von halbwahren bis ganz durchgeknallten Verschwörungstheorien.

Hätte WikiLeaks seine Materialhalde unkommentiert und unbearbeitet ins Netz gestellt, hätten ein paar Feinspitze darin herumgestochert, etliches weitergeleitet, es hätte auch wilde Debatten in den Foren gegeben, aber das wär's gewesen.

Die Flutung des Internets mit abgezapften Geheimnissen (bisher nicht sehr furchtbaren, wenn man die Aufdeckung der Morde an Zivilisten im Irak ausnimmt) wird die Regierung zu mehr Offenheit zwingen. Das ist die Hoffnung. Sie wird sich, wenn überhaupt, nur durch eine Kooperation mit journalistischen Profis umsetzen lassen.

Ob Assange das überhaupt will, ob er mit sozusagen systemimmanenten Reparaturen zufrieden ist; und ob er nicht vielmehr jede Autorität in die Luft sprengen will, das ist ungeklärt. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2010)