"New York State Of Mind" titelt Christian Lehner seinen Jahresrückblick.

Foto: Karl Fluch

So titelt Christian Lehner seinen 2010er-Jahresrückblick und umreißt damit gleich das Epizentrum seines Interesses. Schließlich ist Lehner für FM4 New-York-Korrespondent, lebt seit einigen Jahren overseas, kennt die Stadt und die Leude.

Seine Stories kennen wir hier herüben aus dem Radio und von der FM4-Site. Gerade seine Foto-Stories aus NY zählen für mich immer wieder zu den schönsten kurzen Alltagsfluchten, die das Netz zu bieten hat.

Wie schon im letzten Jahr, habe ich ihn gebeten, als Gast für den Kopfhörer jene Goodies zusammenzutragen, die ihm 2010 wichtig waren.

Hat er getan.

Lädisänschentlemän, Christian Lehners Alben 2010:


Kanye West – "My Beautiful Dark Twisted Fantasy"
Dekadent, abstoßend, genial. Rom brennt. West flennt. Es lebe der letzte Unberechenbare.

Sufjan Stevens – "The Age Of Adz"
Mindestens genau so größenwahnsinnig wie Kanye. Nur scheint das niemanden aufzufallen in Weißsemmel-Indiehausen.

Janelle Monáe – "The ArchAndroid"
Afrofuturismus vom vielleicht größten Talent des zeitgenössischen R&B und Hip Hop und genau deshalb deren Grenzen sprengend. Sonische Stichwortgeberin für das neue Kanye Ding.

Yeasayer – "Odd Blood"
Fast zu perfekter Pop. Aufgenommen im Studio von Peter Gabriels Drummer in Upstate New York. Das hört man auch.

Marnie Stern – "Marnie Stern"
Selbstermächtigungs-Hymnen und Gitarren-Tapping im Geiste von Eddie Van Halen allerdings minus Spandex Hosen und Virtuositätswahn. Ihr bestes Werk so far. Erzählt zu viel Vagina-Witze für das breite Publikum. Soll so bleiben.

Das Racist – "Shut Up, Dude" und "Sit Down, Man" - Gratis-Mixtapes
Cheech & Chong treffen sich in einem Taco Bell Restaurant und streiten über Post-Fordismus und Coetzee. Dieses multiethnische HipHop-Trio des Wahnsinns ist näher dran am New York State of Mind als sämtliche Bedbugs bei Victoria’s Secret.

Twin Shadow – "Forget"
Die beste 80er Platte seit den 80ern. Produziert von Chris Taylor (Grizzly Bear), dem neuen Drehknöpfe-König von Williamsburg seit TV On The Radios Dave Sitek nach LA gefüchtet ist.

Frankie Rose And The Outs – "Frankie Rose And The Outs"
Rose ist die Ur-Mutter des jüngeren 60ies Girl Group Surf und Shoegaze Revivals in den USA. Hat bei den Vivian Girls, Crystal Stilts und Dum Dum Girls gespielt und mit ihrem diesjährigen Solo-Debüt prompt die beste Platte des ganzen Echo und Reverb Jahrgangs vorgelegt.

Vampire Weekend – "Contra"
Viel zu leichtfertig gehasst. Großartiges Popalbum, das wesentlich dunkler ist, als es klingt.

The National – "High Violet"
Eine „Wiener“ Platte, aufgenommen von Landeiern aus Ohio, die in Brooklyn leben. Schön verstimmt, verkatert und verzeitzersaust.

Swans – "My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky"
Tun immer schön weh.

Javelin – "No Más"
Sampling-Orgien deluxe – das Beste in dieser Machart seit den Dauerurlaubern The Avalanches.

The Drums – "The Drums"
Zum Abwatschen affektiert – dennoch gelungener Pop zwischen Surf und neuromantischer Sehnsucht. 

Titus Andronicus – "The Monitor"
Für diese Liste hier aus New Jersey eingebürgert. Ein loser Civil War Epos mit Punk, Fidel und Flöte, der selbst Stonewall Jackson umwerfen würde.

Erykah Badu – "New Amerykah Part Two (Return Of The Ankh)"
Die Göttliche mit der Afrokrone zurück auf dem R&B Pfad und mit Polizeistrafe wegen JFK-Video-Striptease in Dallas.

Buke & Gass – "Riposte"
Neuentdeckung. Nehmen die Krise der Musikindustrie so ernst, dass sie sogar ihre Instrumente selbst bauen.

LCD Soundsystem – "This Is Happening"
Abschied des Hipster-Onkels vom letzten Jahrzehnt. Wetten, da kommt noch was?

Sleigh Bells – "Treats"
Was wurde aus Hardcore? Kompressionswahnsinn mit Melodie!

!!! – "Strange Weather, Isn't It?"
Bestes NYC Tanzbodenfutter 2010 samt INXS Gedächtnisschuhplattler. Das Comeback Album dieses vom Schicksal schwer geprüften Outfits war zwar gut präsent in den einschlägigen Auskennermedien, wurde aber weit unterm Wert geschlagen.  

The Walkmen – "Lisbon"
Sträflich unterschätzte Band! Wer bei "Stranded" nicht flennend an der Jukebox hängt, ist kein Mensch und braucht also mindestens noch einen Jameson, um einer zu werden.

Matthew Dear – "Black City"
Wer New York nicht auch als dunklen, prekären Ort begreift, ist entweder steinreich oder ewiger Tourist. Matthew Dear hat nach seinem Umzug von Detroit nach Brooklyn relativ schnell begriffen. Meisterwerk des Tech-Souls.

Sharon Jones & The Dap Kings – "I Learned The Hard Way"
125th Street, Apollo Theater, Harlem. Der verblichene Godfather steht im Geiste auf der Bühne und schaut der current Queen of Soul über die Schultern. Befruchtend!

Gill Scott-Heron – "I'm New Here"
Stimmungsgewaltiges zur Krise vom Altmeister sämtlicher Krisen. In Zitat und Sampleform auch auf der No. 1 dieser Liste vertreten. Also zurück zu Kanye.

>> Die nächste Gästeliste kommt von Jonathan Fischer, Journalist, Spitzen-DJ und Black-Music-Specialist aus München.

(Karl Fluch, derStandard.at, 20.12.2010)