Dominik Hagel liest privat alles: "Ich bin ein Allesfresser."

Foto: IFK

Auf dem Schreibtisch vor ihm liege gerade Homers Odyssee in der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt, sagt Michael Dominik Hagel. Das sage aber wenig über seine Lesegewohnheiten aus, das Buch brauche er als Vorbereitung für seine Einführungsvorlesung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, die er am Institut d'allemand der Universität Neuchâtel hält. "Privat lese ich alles, ich habe keine Helden", sagt Hagel. "Ich bin ein Allesfresser."

Den Appetit hat sich der Germanist dabei noch nicht verdorben. In seiner Dissertation hat er sich in ein ganz bestimmtes Genre verbissen: utopische Literatur. Der Gründungstext der Gattung, Thomas Morus' 1516 erschienenes Utopia, ist ihm als taufrischem Germanistik- und Geschichtsstudent an der Uni Wien in die Hände gefallen - und hat bleibenden Eindruck hinterlassen.

"Es ist sehr spannend, wie über optimale Gemeinschaften, über fiktive Formen des Zusammenlebens nachgedacht wird", sagt der 1981 geborene Niederösterreicher. In seinem Forschungsprojekt untersucht er die Geschichte der literarischen Utopie, insbesondere in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. "Bis ins 18. Jahrhundert bleibt die entlegene Insel, wie schon bei Thomas Morus, der bevorzugte Schauplatz für Utopien, also Nichtorte", sagt der Literaturwissenschafter. "Dann werden plötzlich alle Utopien in eine mehr oder weniger ferne Zukunft verlagert, es gibt eine Verschiebung vom Raum zur Zeit. Das heißt auch: Utopia wird machbar."

Eine "handgreifliche Erklärung" für diese Wendung seien die Entdeckungsreisen, die kaum mehr weiße Flecken am Globus hinterließen. Weitaus faszinierender aber findet Hagel die erkenntnistheoretischen Hintergründe: "Mich interessiert, wie sich in der Aufklärung Möglichkeitsräume des Denkens entwickelten, die dazu führten, dass man nicht umhinkonnte, sich alternative Gemeinschaften als Konsequenzen von Fortschritt und somit in einer Zukunftsdimension vorzustellen." Dem Fortschrittsenthusiasmus standen dabei immer schon Stimmen gegenüber, welche die positiven Zukunftsvisionen mit negativen Utopien kontrastierten. Um diese Denkmuster im damals vorherrschenden Diskurs zu verorten, verschlingt Hagel nicht nur literarische Texte, sondern gräbt sich auch durch politische Theorien und ökonomische Traktate der Zeit.

Zum Studium der Literatur kam er eher zufällig, merkt Dominik Hagel an. Es sei ihm auch um eine Abwechslung zum BRG mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt gegangen, das er in Krems besucht hatte. Den interdisziplinären Austausch, aber auch jenen zwischen Jungwissenschaftern und arrivierten Forschern, habe er ganz besonders am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften IFK in Wien schätzen gelernt, streicht Hagel hervor.

Dort hatte er im Vorjahr ein Junior Fellowship inne. Davor hatte er sich die Arbeit an der Dissertation mit Familienbeihilfe und einem Job als Nachtportier finanziert sowie mit einem Stipendium der Uni Wien. Das IFK ermöglichte Hagel des Weiteren ein Fellowship abroad an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von Berlin wechselte er direkt in die Schweiz, wo er in Neuchâtel die Vorzüge einer kleinen Universität genießt - und sich voll und ganz auf den Abschluss seiner Dissertation konzentrieren kann. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2010)