Ester Boserup (1910-1999) war Vordenkerin einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsforschung.

Foto: Ivan Boserup

Die dänische Wissenschafterin Ester Boserup befasst sich mit Nachhaltigkeit, lange bevor der Begriff zum Allzweck-Schlagwort wurde. Mit ihren agrarökonomischen Studien ging sie in den 60er- und frühen 70er-Jahren den komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt nach und untersuchte insbesondere, wie Veränderungen in der Landnutzung mit der Bevölkerungsentwicklung und der Rolle der Frau zusammenhängen.

Vielleicht blieb ihr Name gerade deshalb relativ unbekannt, weil sie in so vielen Fachbereichen mit- und so manche gehörig aufmischte. Ihre Arbeiten werden jedenfalls bis heute vielfach zitiert und dienen als Bezugspunkt für SozialanthropologInnen, AgrarökonomInnen, DemografInnen genauso wie für die Gender-Forschung.

"Boserup hat zu einer Zeit, als das noch überhaupt nicht vorstellbar war, eine interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung begründet", sagt Marina Fischer-Kowalski, Leiterin des Instituts für Soziale Ökologie in Wien, das zur Alpen-Adria-Universität Klagenfurt gehört. Fischer-Kowalski hat gemeinsam mit dem amerikanischen Geografen und Nachhaltigkeitsforscher Billie Lee Turner II. von der Arizona State University anlässlich von Boserups 100. Geburtstag eine Retrospektive über ihr Leben und Wirken verfasst, die gestern, Dienstag, im renommierten Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht wurde.

"Boserup trat in den 1960er-Jahren gegen die damals vorherrschende westliche Arroganz gegenüber den Entwicklungsländern auf", sagt Fischer-Kowalski im Gespräch mit dem Standard über die Bedeutung der Ökonomin. "Zu dieser Zeit war man der Meinung, dass das Überleben auf dem Planeten nur möglich ist durch Geburtenkontrolle in den Entwicklungsländern, wie etwa durch Sterilisationsprogramme, und durch eine Modernisierung der Landwirtschaft, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. "

Gegen die Bevölkerungsfalle

Mit ihrem 1965 erschienenen Hauptwerk The Conditions for Agricultural Growth: The Economics of Agrarian Change under Population Pressure stellte sich Boserup gegen die auf Thomas Malthus zurückgehende These, dass die Gesellschaft in eine Bevölkerungsfalle tappe, also dass die begrenzte Nahrungsproduktion auch das Bevölkerungswachstum limitiere. Boserup drehte die Annahme um, indem sie darlegte, dass eine Bevölkerungszunahme erst die Entwicklung von neuen landwirtschaftlichen Methoden auslöste.

"Sie zeigte anhand von Studien in asiatischen und afrikanischen Ländern, dass auch eine einfache Landwirtschaft in der Lage ist, mit einer Verknappung der Nahrungsmittel umzugehen, und unter diesem Druck Innovationen in der Agrartechnik entwickelt", erläutert Fischer-Kowalski. "Sie warnte davor, mit dem Modernisierungsoptimismus des Westens einfach die vorhandene Subsistenzwirtschaft wegzurationalisieren." Die Folge seien sonst Landflucht in immer größere Megacitys, keine nennenswerten Ertragssteigerungen und erodierte Böden, prophezeite Boserup.

Auch wenn sie diese Entwicklung nicht aufhalten konnte, verstand es Boserup, die auch als Diplomatin bei den Vereinten Nationen tätig war, sich durchzusetzen - auf zurückhaltende, gelassene, stets analytische Art. Auch in der Weltbank, wo sie vorstellig wurde und wo man ihre Anregungen zumindest interessiert aufnahm. Nach weiteren Feldstudien in Indien und Senegal erweiterte Boserup mit ihrem 1970 erschienenen Buch Women's Role in Economic Development ihre Theorie mit bis dahin so gut wie nicht vorhandenen Gender-Aspekten.

Innovative Frauen

"Boserup war die Erste, die gezeigt hat, wie sehr Entwicklung mit Geschlechterverhältnissen zu tun hat und dass Innovationen in der Landwirtschaft weiblich getragen sind", sagt Fischer-Kowalski. "Frauen denken nicht an Profitmaximierung, sondern daran, dass ihre Familien und die Gemeinde gut versorgt sind." Boserups Blick auf den Wert der (re-)produktiven Arbeit von Frauen machte sie zur Vorreiterin der Frauenbewegung.

Dass Landwirtschaft in kleinem Maßstab die Umwelt nachhaltig schont und dabei effizient und technologisch fortschrittlich sein kann, ist in Zeiten des Klimawandels nichts Neues mehr. Mittlerweile ist Nachhaltigkeitsforschung auch auf wissenschaftlicher Ebene etabliert. Wie nachhaltig die Forschungen von Ester Boserup, die 1999 in Genf starb, nach wie vor sind, zeigen nicht nur die bis heute anhaltenden Nachdrucke ihrer Bücher, sondern auch eine Konferenz, die kürzlich von Fischer-Kowalski organisiert wurde: 120 Wissenschafter aus 25 Ländern kamen und zollten der Nachhaltigkeits-Pionierin Tribut. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2010)