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Eine Krippe mit lebenden Darstellern vor der Mauer, die Bethlehem vom nahen Jerusalem trennt. Touristen lassen sich von der düsteren politischen Lage im Nahen Osten nicht abschrecken.

Foto: APA/EPA/al Hashlamoun

Der Friedensprozess in Nahost bricht soeben zusammen, aber Bethlehem feiert zugleich mit Weihnachten auch sein bisher bestes touristisches Jahr. Indessen wandern immer mehr einheimische Christen aus.

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Bethlehem wirkt noch immer verschlafen, aber seine Bürger berichten begeistert von einem "Wiedererwachen". Das ganze Jahr über haben sich Reisegruppen zum Krippenplatz gewälzt, jetzt locken Plakate zu Weihnachts- und Neujahrspartys in Hotels und Restaurants. Das "Nativity Museum", das Darstellungen von Christi Geburt aus aller Welt gesammelt hat und vor zehn Jahren wegen der Intifada, des Palästinenser-Aufstandes, schließen musste, wurde soeben wieder eröffnet, es gibt eine internationale Christbaum-Ausstellung und einen Reigen von Konzerten, Paraden und Prozessionen.

"Das war das beste Jahr überhaupt, was Touristen und Pilger betrifft" , freut sich Bürgermeister Victor Batarseh. "Bis jetzt hatten wir schon 1.450.000 Besucher, unsere Hotels waren das ganze Jahr über fast voll und sind es auch jetzt zu Weihnachten."

Solidaritätsappell wirkte

Wer nach Bethlehem kommt, reist über Israel an, und auch die Israelis melden für 2010 einen neuen Tourismusrekord. Die Zahl der christlichen Besucher hat sich im Vergleich zum Vorjahr gar verdoppelt, trotz der Wirtschaftskrise und des sich soeben vollziehenden Zusammenbruchs des Nahost-Friedensprozesses. Batarseh glaubt, dass der Aufruf der Weltkirchen zur Solidarität mit dem Häufchen Christen im Heiligen Land seine Wirkung getan hat: "Überall hat man in den Sonntagspredigten gesagt, dass alle Christen eine Pilgerfahrt nach Bethlehem machen sollten."

Unvermindert ist die Sorge darüber, dass der Anteil der Christen unter den Palästinensern immer kleiner wird. Seit Jahrzehnten treibt die politische und wirtschaftliche Ungewissheit Christen zu Zehntausenden weg, vor allem nach Nord- und Südamerika. "Ich habe eine Schwester in Augsburg, und zwei Schwestern und zwei Brüder sind in den USA" , sinniert Alex Awad, Dekan des christlichen Bibel College in Bethlehem. "Es wäre traurig, unser christliches Erbe zu verlieren - stellen Sie sich vor, in 15 Jahren kommen Touristen mit einem israelischen Fremdenführer und einem islamischen Fahrer her und fragen nach den Christen, und die Antwort ist, sie sind alle aus dem Land geflohen."

Viele haben einfach genug vom Konflikt mit den Israelis. Reibereien zwischen Christen und Muslimen gebe es nicht, versichert der muslimische Fremdenführer Nasser Alawi: "Christen und Muslime leben hier zusammen wie eine große Familie, wir teilen alles, die Leiden und das Glück - in diesem Haus hier zum Beispiel leben rechts Christen und links Muslime." Natürlich würden Christen in Bethlehem nicht verfolgt, "doch die winzige christliche Minderheit fühlt den schweren Druck der islamischen Mehrheit" .

Gemeinsam klagen muslimische und christliche Palästinenser weiterhin über die Behinderungen durch "die Besetzung" und vor allem über die Mauer, die Bethlehem vom nahen Jerusalem trennt. Zur Weihnachtszeit geht alles ein bisschen leichter. Ausländische Besucher werden an der hässlichen Kontrollstation von den israelischen Soldaten meist einfach durchgewunken. Als "Gesten des guten Willens" präsentieren die Israelis die Reisegenehmigungen, die jetzt einen Monat lang für christliche Palästinenser gelten, sogar solche aus dem abgeriegelten Gazastreifen. Zeichen einer gewissen Entspannung und besserer Zusammenarbeit ist auch, dass israelische Fremdenführer jetzt wieder in Bethlehem arbeiten können - seit der Intifada war das nicht erlaubt. Ganz glücklich ist Bürgermeister Batarseh darüber nicht: "Unsere palästinensischen Fremdenführer sollten das gleiche Recht bekommen und in Jerusalem arbeiten dürfen, um dort unsere Sichtweise zu zeigen." (Ben Segenreich aus Bethlehem/DER STANDARD, Printausgabe, 24.12.2010)