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Von einem, der auszog, Tugend zu lehren: Malvolio (Joachim Meyerhoff) versucht, Olivia (re., Dörte Lyssewski) für sich erotisch einzunehmen. Das Kammerkätzchen (Maria Happel) sieht zu.

Foto: Hochmuth/APA

Wien - Die Frage, wo der Schauplatz von Shakespeares rätselhafter Rüpelkomödie Was ihr wollt tatsächlich liegt, klärt kein Blick in den Schulatlas. Auf der schwarz verhängten Bühne des Wiener Burgtheaters gibt der Narr Feste (Sven-Eric Bechtolf) - ein grau gefiederter Strotter mit transportablem Verstärker - das Signal zum Anfang. Er bewegt den vom Zotenreißen mürb und müde gewordenen Mund. Siehe da: Das Sturmgebraus vor Illyriens Küste setzt ein, das Mädchen Viola (Katharina Lorenz) spritzt Tafelwasser aus der Plastikflasche hinein in das Fauchen des Ventilators.

Der Sturz an die Klippen: ein Theatereffekt aus der Steckdose. In Shakespeares Komödienreich kann die Sonne der Vernunft niemals aufgehen, weil der schlotterhaarige Herzog Orsino (Fabian Krüger) vor lauter Liebesweh krank und pflichtvergessen ist.

Sein Idol, die um ihren Bruder trauernde Gräfin Olivia (Dörte Lyssewski), verkleidet sich als reiche Reederswitwe, um alle Avancen ihres herzoglichen Gegenübers pikiert abzuweisen. Die gestrandete Viola (Lorenz) aber gibt den Liebesboten: ein herb-schönes Mannmädchen im Dress der College-Jahrgangsbesten. So weit, so absehbar. Und damit gut.

Plädoyer für den Irrsinn

Denn Regisseur Matthias Hartmann hält sich mit den erotischen Irrungen und Wirrungen in Was ihr wollt gerade so lange auf, wie es braucht, um ein paar verschämte Zoten zu reißen. Er zeigt: Das geht mich in Wahrheit gar nichts an! Sein Blick ruht umso zärtlicher auf den Rüpeln, den Narren und Wortverdrehern. Sein Illyrien gleicht einem absurd komischen Zirkus: In ihm behalten die Übergeschnappten buchstäblich das letzte Wort. Und so fährt (kaum dass Viola in Illyrien gelandet ist) ein Podest nach vorn an die Rampe, auf dem ein zusammengerollter Teppich zur Welle erstarrt ist (Bühne: Stéphane Laimé).

Eine hohe Gestalt in Dinner-Jacket plumpst nieder, rappelt sich aber sofort wieder hoch. Der wahre Herrscher im Fantasiereich ist sein unnützester Bewohner: Sir Toby (Nicholas Ofczarek), der mit hochrotem Säufergesicht dem Entertainer Tom Jones in 20 Jahren ähnelt. Er bewegt wie eine zusammengeschossene Fregatte seine steifen Beine durch Lady Olivias Garten und hält das Brandy-Glas wie ein Haustierchen in der Hand.

Sir Andrew Bleichenwang (Michael Maertens), sein Financier, weckt mit der Kindlichkeit eines Ritters im Brustharnisch sofort Beschützerinstinkte. Ganz im Gegensatz zur gräflichen Putzfachkraft Maria (Maria Happel), die das frivole Kammerkätzchen mit den Korkenzieherlocken gibt.

Jede Type katapultiert sich mit äußerster Virtuosensorgfalt in eine eigene Sphäre hinauf: Diese Narren sind Himmelskörper, die auch ohne die Anziehungskräfte einer starken Mitte ein bunt schillerndes Firmament ergeben. Was ihr wollt gehört den Schauspielern. Und fast hat es den Anschein, als hätte Hartmann während der gewiss zwerchfellerschütternden Proben immer wieder gemurmelt: "Verweilt, Ihr Narren, Ihr seid so schön! "

So bleibt es Olivias Haushofmeister Malvolio (Joachim Meyerhoff) vorbehalten, diese insgesamt doch wohlgeratene Arbeit um ein paar weitere, irritierende Glanzpunkte zu bereichern.

Malvolio ist Puritaner: Sein Bürstenhaarschnitt ist ausgewachsen, sein Stangenanzug so grau wie seine rechtschaffene Gesinnung. Spricht er die heimlich begehrte Gebieterin an, unterlaufen ihm peinliche Versprecher: Er trägt, ganz ohne eigenes Zutun, das Herz auf der Zunge. Brüllt er das höhnende Domestikengesindel zusammen, schnappt er nach Luft: "Ich kriege euch alle!" Ein solcher Ausbund an Tugend steht, ohne es sich einzubekennen, mit jenen Teufeln im Bunde, die er auszutreiben wünscht.

Die Tragödie Malvolios ist es, die dieser staunenswerten Aufführung ihr Gütesiegel aufprägt. Meyerhoff braucht keine Rosenhecken und keine vertonten Shakespeare-Sonette (Musik: Karsten Riedel), um in der Gesellschaft lauter törichter Menschen den Lebensernst zu proklamieren.

Er stellt seine berühmten gelben Strümpfe zur Schau. Er fällt in die Hölle einer vernagelten Kiste, in der er als zungenschlagender Zombie nach Vergeltung kräht. Und er bezichtigt zuletzt das Publikum: "Das wird gemeldet!" Er werde die Zuschauer vor Gott anklagen. Ein Mann behält gegen jede Wahrscheinlichkeit recht. Und mit ihm Hartmanns lukullischer Shakespeare-Versuch. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2010)