Jonathan Fischer, Soul-Brother aus München.

Foto: J. Fischer

Den Jonathan habe ich heuer wieder um eine Auflistung der besten Musik im Dunstkreis schwarzer Popkultur gebeten. Einmal aus Egoismus, weil ich über ihn schon viele lässige Musik entdeckt habe, und weil sein Blick bei allem Spezialistentum kein Tunnelblick ist. Seine Aufzählung zeigt das deutlich.

Ganz unten kommen die Black Keys mit ihrem jüngsten Album "Brothers" zu Ehren. Sogar wenn Jonathan Fischer eine weiße Band würdigt, führt diese wenigstens ein "Black" im Namen. Muss wohl so sein. Aber ohne schwarze Musik gebe es die Black Keys in der Form ja auch gar nicht.

Für schwarze (Pop-)Kultur interressiert er sich schon ewig. Während sich seine Altergenossen in den 1980ern mit Van Halen oder Nena herumschlugen, interessierte er sich für Otis Redding und andere Soul-Größen.

Weil über diese eher wenig im "Bravo" und den anderen üblichen Hefteln für junge Weißbröter zu finden war, machte er sich bald selbst auf die Suche nach den noch lebenden Protagonisten dieser Musik, flog zu ihnen, läutete an ihren Türen und hörte sich ihre Geschichten an. Und hielt diese fest.

Daraus wurde eine innige Beziehung, ein Lebensinhalt, eine Lebensgrundlage. Jonathan schreibt für die "Süddeutsche", den "Spiegel", die "FAZ" und andere mehr. Wenn es irgendwie um schwarze Musik aus Ghana, Rio, L.A., Cuba oder Detroit geht, läutet bei ihm das Telefon. Wenn er nicht gleich abhebt, dann malt er gerade. Oder er boxt - oder er ist wieder einmal verreist. Meist dorthin, wo gerade einschlägige Musik entsteht.

Seinen missionar(r)ischen Eifer bezüglich seiner Entdeckungen teilt er mit uns immer wieder über ihresgleichen suchende, immer themenbezogene Sampler, in deren üppigen Booklets er uns an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt.

Einmal im Jahr reicht auch eine Liste.

Alsdann, Lädisänschentlemän, Jonathan Fischers Alben 2010:

Cee-Lo Green: "The Ladykiller"
Viel Sirup und etwas Herzschmerz: Herzerweichend knödelnder Rapper/Rollenspieler verwurstet das Motown Erbe.

C.W. Stoneking: "Jungle Blues"
Der beste mir bekannte 20er-Jahre Bluesmann/Jimmie Rodgers/New Orleans Jazz-Fake

The Pleasants: "Forests And Fields"
Elfengesänge treffen auf Appalachen Folk

The Whitefield Brothers: "Earthology"
Geniale Fusion von Ethio-Pop, Afrobeat, Funk mit einer HipHop-Attitüde

Radio Citizen: "Hope And Despair"
Die Münchner-Berliner Antwort auf Tricky - so könnte der Sound of Bristol klingen, wenn das Art Ensemble of Chicago mitspielen würde

Toots And The Maytals: "Flip And Twist"
Billige Keyboards, okay, aber was für eine große Soulstimme!

Radioclit Presents: "Club Secousse"
Endlich werden die flirrenden Hochgeschwindigkeits-Gitarren aus dem Kongo für westliche Clubs urbar gemacht

Mavis Staples: "You're Not Alone"
Lotet in der Tradition der Staples Singers 50er Jahre Klassiker alle emotionalen Tiefen des Country-Gospel aus

Robert Owens: "Art"
Der coolste und soulfulste aller House-Sänger nimmt das Tempo raus und gewinnt nicht nur ein Clubpublikum

Flying Lotus: "Cosmogramma"
Keine Ahnung, ob ich den nicht schon letztes Jahr auf dem Plan hatte: Verhält sich zum Mainstream-HipHop wie Bebop zum Swing

Lizz Wright: "Fellowship"
Eine junge Gospelstimme, deren Live-Konzert eine Intensität heraufbeschwor, die sonst nur Al Green in seiner Kirche hinbekommt

Scuba: "Triangulation"
Grime und Dubstep als moderne Meditationsmusik

The Black Keys: "Brothers"
Der selbe Dreck wie in den rauesten frühen Soulaufnahmen: Kein Wunder, dass sie RZAs Lieblingsband sind.

(Karl Fluch, derStandard.at, 26. 12. 2010)