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"Juden, auf zum Sieg. Jüdische Mädchen gehören dem jüdischen Volk": ein rechtsgerichteter Aktivist bei einer Protestaktion in Bat Yam nahe Tel Aviv.

Foto: AP/dapd/Oded Balilty

Ein öffentlicher Aufruf an jüdische Mädchen, sich vor Beziehungen mit arabischen Männern zu hüten, könnte das schwierige Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Israel weiter belasten und jenen ein weiteres Argument liefern, die vor wachsendem Rassismus im jüdischen Staat warnen. "Verabredet euch nicht mit ihnen, arbeitet nicht, wo sie arbeiten, und leistet keinen Zivildienst mit ihnen", heißt es in einem Brief, den 27 Rabbinergattinnen unterzeichnet haben.

Unter den Unterzeichnerinnen befinden sich etwa die Schwiegertochter des früheren Oberrabbiners Ovadia Josseff und die Frauen einiger prominenter Rabbiner von Siedlungen im Westjordanland. Arabische Männer würden jüdische Namen benützen ("Jussuf wird Jossi"), um sich an jüdische Mädchen heranzumachen, so der Text, aber "wenn ihr dann in ihrem Dorf unter ihrer Kontrolle seid, ändert sich alles". Die Erklärung wurde von einer Organisation initiiert, die ein Heim für jüdische Frauen betreibt, welche ihre arabischen Partner verlassen haben.

Es handle sich keineswegs um Rassismus, meinte die rechtsgerichtete Abgeordnete Zipi Hotoveli, vielmehr müsse man wie in jüdischen Gemeinden überall auf der Welt auch in Israel "gegen die Assimilation kämpfen". Der arabische Schauspieler Jussuf Swed, selbst mit einer Jüdin verheiratet, meinte in einem Radiointerview, er habe Verständnis dafür, wenn religiöse und ethnische Gruppen ihre Identität bewahren wollen: "Aber es ist ein Problem, wenn das die Grenze des Rassismus erreicht und wenn religiöse und rechtliche Fragen vermischt werden."

Gegenmanifeste

Erst vor drei Wochen hatte ein Manifest von rund 40 in Stadtverwaltungen beschäftigten Rabbinern wütende Proteste ausgelöst. Darin wurde unter Berufung auf das Religionsgesetz dazu aufgerufen, in jüdischen Wohngegenden an Nichtjuden keine Wohnungen zu vermieten oder zu verkaufen, weil das zu Konflikten führen würde und "ihre Art zu leben anders ist als jene der Juden". Gegenmanifeste, die von hunderten Rabbinern in Israel und den USA unterzeichnet wurden, wiesen den Aufruf als "Verzerrung unserer Traditionen" zurück.

Auch Premier Benjamin Netanjahu reagierte: "Solche Dinge dürfen in keinem demokratischen Staat gesagt werden, und speziell nicht in einem jüdischen demokratischen Staat. Wie würden wir uns fühlen, wenn jemand sagen würde, dass man Juden keine Wohnungen verkaufen soll?" Politiker und Bürgerrechtsgruppen fordern eine polizeiliche Untersuchung wegen "rassistischer Verhetzung". Einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage zufolge lehnen 48 Prozent der jüdischen Israelis den Aufruf der Rabbiner ab, doch 44 Prozent befürworten ihn. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2010)