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Sir Ed Hillary bei einem Vortrag im Jahr 2000

Foto: apa/afp/Torsten Blackwood

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Jamling Norgay (l), Brent Bishop and Peter Hillary (r) treten in die Fußstapfen ihrer Väter, 2002.

Foto: apa/epa

Er ist so bekannt, dass in Indien die Kinder wissen, dass er Neuseeländer ist. Und dass es 11.30 Uhr war, am 29. Mai 1953, als er als erster Mensch den Mount Everest bezwang und bei 25 Grad unter Null ein paar Fotos schoss, die sehr berühmt wurden.

In Nepal, bei den Sherpas, wissen die Kinder noch viel mehr. Sie können ein Bild von Sir Edmund Hillary malen. Die steile Nase. Die abstehenden Ohren. Die stechenden Augen. Das wuschelige Haar. Die großen Hände. Sie nennen ihn "burra sahib", großes Herz. Nur in seinem Heimatland ist er so bekannt, dass seine Nachbarn nicht wissen, dass sie seine Nachbarn sind.

Dabei wohnt er seit 50 Jahren in Remuera, einem feinen Stadtteil Aucklands, dort wo sein Vater bereits als Imker arbeitete. Das Telefonbuch weiß es. Fett gedruckt. Man kann ihn also anrufen, den Bergsteiger und Abenteurer und Wohltäter und mit ihm reden, ihn vielleicht sogar besuchen und auf dem Sofa sitzen, auf dem Bill Clinton und Elizabeth gesessen haben. "Natürlich. Schauen Sie vorbei."

Es ist Sir Edmunds 83-jährige Stimme. Das Taxi kennt den Weg. Simon hat schon viele zur verdeckten Einfahrt mit dem wetterbeschlagenen Briefkasten gebracht, der nur eine geheimnisvolle Anonymität verrät. "Ja, der Bergsteiger, den kenne ich", sagt Simon. "Nicht persönlich, aber er ist auf unserer Fünf-Dollar-Note, weil er diesen berühmten Berg erklommen hat." Ja, den Mount Everest, den Saukerl, den er zur Strecke brachte. So hat es Hillary nach dem Abstieg gesagt. Understated. Mit Ironie und Humor. Wie die Kiwis halt sind. Bloß nicht viel Staub aufwirbeln. Hillary ist so ein bescheidener Kauz.

"Der Everest, das ist so lange her."

Seine Nase ist so steil, wie an dem Tag, als er den Everest erklomm. Zur Begrüßung gibt es das warme verschmitzte Lächeln, das nur diejenigen haben, die den Boden trotz gewaltiger Höhenflüge nie verlassen haben. "Ich habe damals gedacht, dass sich meine Berühmtheit etwa drei Jahre halten wird, unter Bergsteigern. Ich bin doch nur ein Mensch mit sehr durchschnittlichen Fähigkeiten."

Hillary glaubt bis heute, er sei der einfache Ed von der Straße um die Ecke, der auf einen Berg kletterte und als Sir wieder runterkam. "Ich mag das, wenn die Menschen mich einfach Ed nennen." Etwas müde wirken seine Augen. Bedächtig sind seine Bewegungen. Eine unerschütterliche Ruhe liegt über seinem mächtigen Körper. "Er ist etwas taub", hatte seine zweite Frau Lady June vor dem Interview gesagt. "Schreien Sie ruhig, wenn nötig." Hillarys erste Frau Louise kam mit Tochter Belinda 1975 bei einem Flugzeugunglück ums Leben. June war die Frau eines tödlich verunglückten Freundes. Sie holte Hillary aus den Depressionen. Die beiden heirateten 1981.

Sie managt seitdem die Tage des Weltenbummlers, der immer noch Reden am laufenden Band hält. Sie arbeitet an einem Computer, ihr Mann benutzt für wenige Briefe immer noch eine alte Schreibmaschine. Gerade jetzt, so kurz vor dem 50-jährigen Jubiläum der Everest-Besteigung. Magazine, Zeitungen und Fernsehsender aus aller Welt stehen Schlange in Remuera.

"So stellt man sich das Rentenleben eigentlich nicht vor", sagt Lady June. "Aber sonst wäre es ja auch langweilig". Sie und Hillary werden das Jubiläum mit seinen Freunden in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu feiern. Dort laufen die Feierlichkeiten bereits seit einem Jahr. Das krisengeschüttelte Land hat Hillary und seiner Organisation viel zu verdanken. Schulen, Krankenhäuser werden vom Hillary Himalayan Trust unterstützt. Zudem der Sagarmantha-Nationalpark, der 1977 auf Hillarys Betreiben von Neuseeland und Nepal am Mount Everest gegründet wurde.

"Das alles ist mein größtes Abenteuer und meine größte Sorge", sagt Hillary und schweigt. Sein Blick fliegt durch das Wohnzimmer. Ein Ost-West-Sammelsurium. Bilder, Möbel aus Tibet. Ein Bild mit der Queen. Gipfel-Fotos. Hinter Hillary erstreckt sich der Golf von Hauraki, dort, wo die millionenschweren Carbon-Yachten um den America's Cup segelten. Eine halbe Million US-Dollar muss er jedes Jahr aufbringen, um die Organisation mit Filialen in Kanada, den Staaten, England und auch Deutschland am Leben zu halten. Oft genug hat er Geld aus der eigenen Tasche beigesteuert. Und oft mussten ihn seine Freunde abhalten, seine Flüge selbst zu bezahlen.

"Das ist doch schon 50 Jahre her."

Vom Everest spricht er nicht sehr oft. "Das ist doch schon 50 Jahre her. Und es war doch nur ein Berg", sagt er und er meint das nicht aus unnötigem Respekt vor dem weißen Riesen. Die Stiftung ist zu seinem Leben geworden. "Dank des Everest. Und meiner Freunde." Und natürlich all der Abenteuer, die Hillary bestehen durfte. Wie die Durchquerung der Antarktis mit Traktoren 1956-58, die Suche nach dem Yeti 1961, der Bau der ersten Schule in Khumjung 1961 oder die Reise auf dem Ganges 1977.

Seinen letzten Berg hat er übrigens 1971 bestiegen. Das ist der höchste Berg Neuseelands, der Mount Cook, der auch im Filmepos "Herr der Ringe" vielfach zu sehen ist. Dort hat Neuseeland seinem berühmtesten Sohn gerade ein Denkmal gesetzt. Hillary ist einer der Letzten aus der Zeit, als Lederbälle noch aus Leder waren und Telefone Kabel hatten. Den modernen

Bergsteigern kann er nicht viel abgewinnen. Denen fehle der Respekt vor der Natur. Die Massen-Besteigungen des Everest sieht er mit großer Skepsis. "Der Everest muss geschützt werden, genau wie die Menschen, die meinen, es mit ihm aufnehmen zu können. Das ist kein Kinderspiel."

Er meint, dass die älteren Bergsteiger den Gipfeln noch viel mehr Respekt entgegengebracht haben. "Wir hatten doch keine Technik, wir waren vor allem auf unser Team angewiesen." Die Technik sei trügerisch, sagt er, sie gaukle einem vor, dass man sicher sei. Hillary hat immer im Team gearbeitet. Und er weiß, was er seinen Teams zu verdanken hat.

"Ohne all die wunderbaren Menschen, die mich begleitet haben, hätte ich das aber nie geschafft", sagt Hillary und spricht dann über den kleinen 1988 verstorbenen Tenzing Norgay, der Bergführer, der bei den Sherpas und Indern eine Legende ist und ansonsten oft nur im Huckepack Hillarys bei der Everest-Expedition genannt wird. Zu Unrecht.

"Ohne Norgay hätten wir den Everest nie geschafft."

Hillary sagt das bereits seit einem halben Jahrhundert. In der westlichen Welt immer wieder ungehört. Natürlich rätselt die Welt bis heute, wer denn nun von beiden den Gipfel zuerst betreten habe. "Fast gleichzeitig", sagt Hillary dann immer wieder. Darauf haben sich die beiden Freunde geeinigt. Nur von Norgay gibt es ein Foto auf dem Dach der Welt. Hillary hat es geschossen, mit seiner Kodak Retina. "Ich hätte da keine gute Figur gemacht", sagt Hillary auf die Frage, warum er auf keinem Foto zu sehen sei. "Zudem wusste ich, dass Norgay noch nie fotografiert hatte. Und der Everest war sicher der falsche Ort, um ihm das zu zeigen."

Als ich Sir Ed dann erzähle, dass die Frage nach Norgays Namen einem Geschichtsprofessor in Wuppertal eine Million Mark beim deutschen TV-Quiz "Wer wird Millionär?" eingebracht hat, sagt er mit Schmunzeln. "Hätte er nach meinem Namen gefragt, hätte er sicher nur ein paar Cent bekommen." (DER STANDDARD, rondo/09/05/2003)