Bild nicht mehr verfügbar.

Verendete Hühner in einem holländischen Betrieb: Die Geflügelpest hat nach den Niederlanden und Belgien nun vermutlich Deutschland erreicht. Auch Menschen sind betroffen: mindestens 83 Erkrankungen und ein Todesfall.

Foto: Reuters/Michael Kooren
In seinen letzten vier Tagen hängt der Tierarzt an der Dialyse. Seine Nieren können sich gegen den Angriff der Viren nicht länger wehren. Künstlich beatmet wird der 57-jährige Veterinär schon länger, wie aus seinen Patientendaten hervorgeht, die der STANDARD einsehen konnte. Am 17. April stirbt der Niederländer, nur sechs Tage nachdem er mit Fieber und einer bis dato mysteriösen Lungenerkrankung auf die Intensivstation eines holländischen Spitals gebracht wurde. Sars?

Ein Labor identifiziert schließlich den tödlichen Erreger: nicht das Sars-, sondern das Vogelgrippevirus, das sich epidemisch von den Niederlanden über Belgien ausgebreitet und bis zu diesem Wochenende vermutlich auch die Grenze zu Deutschland überschritten hat (siehe Artikel unten). Die Seuche macht aber nicht nur Landwirte nervös.

Am 21. April informiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Influenza-Experten über den Todesfall des Veterinärs und erinnert an die 1997 in Hongkong ausgebrochene Vogelgrippe, an der damals Dutzende Menschen erkrankten und sechs starben.

Die ersten Warnungen

Heute forschen Pharmafirmen eifrig nach geeigneten Mitteln gegen die so genannte Geflügelpest. Das deutsche Robert-Koch-Institut, die niederländische Influanza-Kontrollstelle und das Global Influenza Surveillance Program des US-Verteidigungsministerium warnen neben anderen Institutionen vor möglichen Risken für Menschen.

Lauert im medialen Schatten von Sars (Schweres akutes respiratorisches Syndrom) in Westeuropa bereits die nächste Gefahr? "Ja und Nein", versucht Franz Xaver Heinz, Vorstand des Wiener Virologischen Instituts, weder das Risiko zu unterspielen noch Panik zu schüren. Die aktuelle Situation in den Niederlanden "führt uns die Gefährlichkeit von Influenzaviren vor Augen", die getroffenen Maßnahmen und die internationale Zusammenarbeit der Experten zeigten aber, "dass wir einer möglichen Pandemie nicht unvorbereitet begegnen".

Symptome

Was ist los? Der Ausbruch des Vogelgrippevirus H7N7 wird auf Ende Februar datiert. In kürzester Zeit ist eine Vielzahl der Hühnerfarmen betroffen. Die ersten Symptome der Hühner: Fieber, Niesen, Durchfall, kein Eierlegen. Die Todesrate: um die 100 Prozent. Da das Risiko der Übertragung vom Tier auf den Menschen zunächst als gering eingestuft wird, werden außer Schlachtungen keine besonderen Schutzmaßnahmen getroffen.

Irgendwann nimmt der mutationsfreudige Vogelgrippeerreger (aviäres Influenzavirus) die Artenbarriere: Der Erreger springt vom Huhn auf den Menschen. Einer der ersten Infizierten ist der Veterinär, der ob der grassierenden Geflügelpest einen Hof inspiziert. 15 Tage später ist er tot. Als Übertragungsweg wird eine Tröpfcheninfektion vermutet, eine Schmierinfektion wird nicht ausgeschlossen.

Panik nicht angebracht

Die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium entschuldigte sich inzwischen im Parlament dafür, dass sie dem Mann unterstellt hatte, er sei an seinem Tod selber schuld gewesen, weil er Vorschriften missachtet habe. Wissenschafter und das Landwirtschaftsministerium warnen aber vor Panik, es handle sich um einen isolierten Fall.

Der belgische Virologe Marc Van Ranst nennt den Todesfall jedoch "eine sehr schlimme Nachricht" - angesichts der Erfahrungen mit der Geflügelpest in Hongkong. Inzwischen haben sich mindestens 83 Menschen mit dem Erreger infiziert, sie litten und leiden an Grippesymptomen und Augenentzündungen.

Dass das Virus vom Tier auf den Menschen übertragbar ist, ist nur eine von zwei schlechten Nachrichten. Forscher entdeckten, dass der Erreger auch von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Wo liegt aber die große Gefahr? Epidemiologisch sind 83 Kranke und ein Toter ja nicht beunruhigend.

"Influenzaviren haben die unangenehme Eigenschaft, ihre genetischen Informationen untereinander auszutauschen. Alle bisherigen tödlichen Pandemien sind so entstanden", erklärt der Virologe Heinz. "Bisher diente vor allem das Schwein als so genanntes Mischgefäß", in dem humane und aviäre Viren verschmelzen und einen "hoch pathogenen Erreger hervorbringen. Wir wissen nun aber, dass auch der Mensch ein Mischgefäß darstellen kann."

Vorbereitungen treffen

Soll heißen: Trifft ein Geflügelpest-Erreger auf ein humanes Influenzavirus - etwa durch eine "Doppelinfektion" eines niederländischen oder belgischen Landwirts (immerhin ist die aktuelle Influenzasaison noch nicht gänzlich vorbei, sondern erst im Auslaufen) -, kann daraus ein ähnliches Killervirus werden, wie es schon ein paar Mal Geschichte geschrieben hat: Bei der "Spanischen Grippe" starben 1918 etwa 40 Millionen Menschen, 1957 und 1968 kamen bei Influenza-Pandemien jeweils mehr als eine Million Menschen ums Leben.

Was also tun? Zum einem versucht man mittels Notschlachtungen eine Ausbreitung zu verhindern. Weiters werden derzeit alle, die mit den Hühnern in Kontakt kommen, gegen (humane) Influenza geimpft. Und zusätzlich erhalten sie so genannte Neuraminidasehemmer wie etwa Tamiflu, die einzigen Arzneien, die eine direkte Behandlung der Influenza bei Menschen erlauben. Tests zur Vorbeugung und Therapie bei Hühnern laufen. Schutzmasken sind, wie bei Sars: obligat. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.5.2003)