Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder wählte den Festakt zum 100-jährigen Bestehen der US-Handelskammer in Berlin am Freitag für jene Ansprache, die von Regierungskreisen schon zuvor zur Grundsatzrede über die deutsch-amerikanischen Beziehungen hochstilisiert worden war. Sichtlich bemüht, das seit der Irakdebatte angespannte Verhältnis zu entkrampfen, stieg er mit einem amerikanischen Wahlspruch ein: "Never explain, never complain. Also: Keine Rechtfertigungen, keine Beschwerden, sondern nach vorne in die Zukunft geschaut."

Schröder betonte, dass Deutschland und die Vereinigten Staaten "eine wirklich vitale Freundschaft" auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen und Werte verbinde. Er erinnerte an die Rolle der USA im Nachkriegsdeutschland und bei der Wiedervereinigung. "Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle die großen Verdienste des damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush", lobte Schröder den Vater des amtierenden Präsidenten.

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, der laut Schröder stets die gemeinsame kulturelle Basis Deutschlands und Amerikas betone, diente dann als Brücke, um doch die deutsche Haltung zum Irakkonflikt zu rechtfertigen. Auch Habermas habe kritische Worte gefunden "zu einem bestimmten Thema", so Schröder. "Freundschaft schließt gelegentliche Meinungsunterschiede ein und hält sie auch aus." Ohne die USA direkt zu nennen, sagte er, alle seien sich einig, "Konsultation ist immer besser als Konfrontation".

Große Zurückhaltung Schröder versuchte, die deutsche Haltung als Ergebnis genau jener Umorientierung darzustellen, auf die die USA nach 1945 hingewirkt hätten. Deutschland habe sich aufgrund bitterer Erfahrungen große Zurückhaltung gegenüber dem Einsatz militärischer Gewalt angewöhnt. "Wer die deutsche Geschichte kennt, kann diese Zurückhaltung nur begrüßen. Ich denke, in der Konsequenz wird das auch in der Zukunft heißen, dass die deutsche Öffentlichkeit intensiv und sehr genau überzeugt werden will und muss, wenn Gewalt als letztes und unabwendbares Mittel zur Lösung von Konflikten eingesetzt werden soll."

Dies bedeute aber nicht, dass Deutschland nicht bereit sei, etwa international Verantwortung zu übernehmen. Dies wurde als vorsichtige Bereitschaft gedeutet, dass doch deutsche Soldaten für eine Stabilisierungstruppe etwa im Rahmen der Nato in den Irak geschickt werden könnten. Schröder legte ein klares Bekenntnis zur Bündnistreue ab. Er widerspreche allen, "die das Ende der Nato heraufbeschwören", betonte der sozialdemokratische Politiker.

Für Beobachter überraschend mag die Vehemenz gewesen sein, mit der Schröder davor warnte, das durch den Irakkonflikt mit den USA wieder intensivere deutsch-französische Verhältnis zu stören. "Niemand, niemand sollte versuchen, Deutschland vor die unsinnige Wahl zu stellen: Freundschaft mit Frankreich oder mit den USA. Die ganze Welt hätte nur Nachteile von einer solch unsinnigen Aktion." Dies war offenbar auf Anstrengungen Washingtons, gemünzt, Deutschland und Frankreich auseinander zu dividieren, über die deutsche Regierungskreise berichten.

So besucht US-Außenminister Colin Powell kommende Woche auch nur Deutschland. Schröder verkürzt seine Asienreise um einen Tag, um Powell treffen zu können. (DER STANDARD, Printausgabe, 10. und 11. 05. 2003)