In einem frühen Gedicht beschwört Uwe Dick einen "Canis litteratus" aus seiner Nachbarschaft und wünscht den "Bücherkunden", sie mögen "allesamt auf den Hund" kommen: "Und werf ich ihm zwei, drei/Bälle zugleich, schnellt er empor,/sich den höchsten,/schwierigsten zu schnappen./Euch aber, Ihr so genannten Leser,/ hör ich oft stöhnen/vor einem einzigen ungewohnten Satz!" Man sieht: Uwe Dick hat durchaus etwas von einem Zuchtmeister an sich, und das in Zeiten, in denen die Lyrik, will sie im literarischen Gespräch noch irgendwie vorkommen, mehr denn je zu unterhaltsamer Konsumierbarkeit verurteilt scheint. Andererseits sind Dicks Gedichte keineswegs hermetisch verschlossene Botschaften, vielmehr eignet ihnen ein starkes rhetorisches Element, ja ein Hang zum Appell.

So kommt es nicht von ungefähr, dass Uwe Dick im Literaturbetrieb so etwas wie ein bekannter Unbekannter ist, ein Außenseiter für Insider, die an ihm nicht zuletzt die ins Kabaretthafte zielende Vortragskunst zu schätzen wissen. Dieser großen, vom Autor selbst getroffenen Auswahl zum 60. Geburtstag liegt denn auch eine CD bei: Der forcierte Ton der Deklamation verrät etwas von der Anstrengung des Verseschmiedens. Das Bayerisch-Bärbeißige, die autochthone Böhmerwäldlerei und auch der Öko-Fundamentalismus vertragen sich bei Dick mit der großen Dichtergeste, mit der Beschwörung der poetischen Tradition und Mythenwelt. "Mythos und Satire fürs irdische Paradies" hat Gerald Stieg sein tiefschürfendes und weit ausholendes Nachwort genannt. Bald im Odenton, bald als Gstanzlweise stimmt Dick zum Beispiel seinen "Drillichsgesang für M+A+D und für die Edlen von Plawenn an", ein Hohelied auf die dreifaltige Lodenproduktion althergebrachter Art, auf die Spinnerin, den Weber, den Schneider - und die edlen Schafe, die den Rohstoff liefern: "Höher stieg der Adel nicht in Europa/als die Freisassen in den Plawennen./Und das, um mich zu umgarnen!"

Auch Uwe Dick versteigt sich bisweilen in den Höhen der Kulturkritik. Die programmatische Ablehnung von Massenware, Massentourismus, Massenmedien lässt sich nicht bewerkstelligen ohne Überheblichkeit. Dicks literarische Säulenheilige, im Werk vielfach, offen und versteckt, zitiert, geben nicht gerade ein Beispiel der Bescheidenheit: Ezra Pound, Elias Canetti und Karl Kraus, zu dem der Dichter eine "Qualverwandtschaft" konstatiert. Die von Dick propagierte und gekonnt betriebene Vermählung von derb Volkstümlichem und elitärer Kunstfertigkeit hat durchaus ihren Reiz. Die Attitüde des in Dauerempörung gegen Gott und die Welt Aufbegehrenden verlangt jedoch vom Leser einige Langmut. Uwe Dick ist der Prophet auf dem Berg und der Rufer in der Wüste, der Alpenkönig und der Menschenfeind. Seine kaskadengleich auf einen hereinstürzenden Verse sind vollgepackt mit Wortspielen, weltliterarischen Zitaten, politischen Anspielungen, Zeitungsmeldungen und grimmigen Witzen. Was Lichtenberg über Jean Paul (auch er ein Dickscher Lieblingsdichter) gesagt hat, drängt sich da auf: Er würze "alles mit cayennischem Pfeffer" und werde bald, "um sich kalten Braten schmackhaft zu machen, geschmolzenes Blei oder glühende Kohlen dazu essen müssen".

Uwe Dick hat aber auch - und nicht wenige - schöne, konzentrierte Naturgedichte geschrieben, Gedichte, in denen das Ich sich dem bloßen Schauen hingibt, sich ohne Bedauern drangibt an das Element, an die Kreatur, etwa in den "Ansichtskarten aus Wales" (1975) - "Der Brecher": "ein Brecher hereinkam/und in Wirbeln/tönenden Salzes/jeder Gedanke/an ein Echo/aus Wandelgängen/des Schädelbaus/ichverlöschend/ zerging auf/bittergrüner Zunge." In seinen späten Gedichten ist Dick dem Bittergrünen treugeblieben, auch dem polternden Pathos, er hat aber seiner Lust am Sprachmaterial freieren Lauf gelassen, ist kühner geworden, sei es in "Zwieselböhmisch", wo er mit einer Mixtur aus Bayerischem und Böhmischem experimentiert, sei es in "Im böhmischen Meer" (ein Granitmeer natürlich), wo sich die vermeintlichen Neuschöpfungen als Exponate aus dem Sprachmuseum herausstellen: "Gemurm und Glumm der kolkenden Mäander,/kaltsinnig im Beklemm der Felsenkehle/ (...) wo die Trugwelt schreckt mit Panzerechsen, glurend/aus Stein und Rinde. Homer der Farne und der/Distelketten, kein Anker ist zu lichten!"

In ihren besten Momenten verwischt Dicks "poetische Physik" (Gerald Stieg) die Grenze zwischen Geist und Materie, der Sinn ist Sinnlichkeit, reiner Klang, fließt "aus einer Praxis der Verschwendung, die möglicherweise mehr gibt, als sie hat". - "Ah, Unersättlicher, gib acht, daß dir das Herz,/das deine Zunge ist, nicht über Bord geht!" sagt Dick, der Gefahr ins Auge blickend. Die Quelle seiner Dichtung - und ihre Stärke - ist schließlich das Sehen, mag ihm auch die Pose des blinden Sehers in die Quere kommen. "Des Blickes Tagnacht" verhindert Umnachtung, Bildverlust bedeutet ihm Tod, schon vor dreißig Jahren: "Es lebt, wer sieht./ Ein Mensch ist so viel wert,/wie seine Augen sehen." []

Uwe Dick, Des Blickes Tagnacht. Gedichte 1969-2001. Mit einem Essay von Gerald Stieg. €24,90/ 298 Seiten. Residenz, Salzburg-Wien-Frankfurt 2002.