Die Mitglieder der illegalen nordirischen Untergrundorganisation IRA sind in hellem Aufruhr, seit irische, schottische und dann auch englische Zeitungen den Namen eines hochgestellten britischen Spitzels in der Führungsetage der IRA enthüllt haben. Freddy Scappaticci, so wurde, gestützt auf obskure Quellen, behauptet, sei seit 25 Jahren vom britischen Militärgeheimdienst fürstlich bezahlt worden, um seine eigenen Mitstreiter ans Messer zu liefern.

Der Agent, der seit Jahren unter dem Pseudonym Stake knife durch die Zeitungsspalten geistert und seither von seinen britischen Betreuern in England versteckt worden ist, leitete die innere Sicherheit der IRA. Er war der Mann, der alles über alle wusste, der Mann, der im Innern der Guerillaarmee nach Verrätern fahndete, sie brutal folterte und umbrachte. Unbestätigte Berichte zählten Beispiele von Morden auf, die ausschließlich dazu angetan waren, die Tarnung des hochgestellten Agenten im Zentrum der IRA zu schützen. Daher die Aufregung und Verunsicherung in den Reihen der IRA.

Umgekehrt soll der Belfaster Sohn italienischer Einwanderer 1988 durch seine Informationen zur Erschießung von drei aktiven IRA-Leuten in Gibraltar beigetragen haben. Scappaticcis Motivation entsprang angeblich einer Tracht Prügel, die er 1978 von seinen eigenen Gefährten hatte einstecken müssen.

Vor knapp einem Monat bestätigte der Londoner Polizeikommandant Sir John Stevens, dass dieselben britisch-nordirischen Geheimdienste eng mit protestantischen Killerkommandos zusammengearbeitet hatten, ja, dass sie diese gelegentlich zu Morden anstifteten. Jetzt fügt sich die neue Enthüllung wie in ein Gesamtbild ein: Britische Sicherheitskräfte zogen - wenigstens in den 80er-Jahren - auf beiden Seiten des Nordirlandkonflikts an den Fäden. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2003)