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Diplomat Dabbashi verlangt Eingreifen gegen Gaddafi.

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Es passiert nicht alle Tage, dass ein Spitzendiplomat mit großem Knall die Seiten wechselt. Ibrahim Omar Dabbashi hat es getan, verbunden mit einem spektakulären Auftritt, von dem seine Kollegen in den Korridoren der Vereinten Nationen noch lange reden werden. "Das ist eine Kriegserklärung an das libysche Volk", sagte er in der Nacht zum Dienstag auf einer improvisierten Pressekonferenz am New Yorker Sitz der Weltgemeinschaft. "Das Regime Gaddafis hat einen Völkermord begonnen."

Ein Fachmann, dem das Gewissen schlägt? Ein Wendehals, der sich absetzen will? Bis dato war der 60-Jährige Vizechef der libyschen UN-Vertretung, das genaue Gegenteil eines Dissidenten. Sein gesamtes Berufsleben ist mit dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi verbunden, vom Schnellkurs 1975 im Außenministerium zu Tripolis über diplomatische Posten im Tschad, in Belgrad, Bonn und Berlin bis hin zum New Yorker Finale.

Im September 2007 wurde Dabbashi im Range eines Botschafters in das Uno-Hauptquartier am East River delegiert. Vier Monate darauf zog Libyen als nichtständiges Mitglied in den Sicherheitsrat ein, für Gaddafi eine Frage des Prestiges und zugleich Ausweis der Annäherung an den Westen.

Dabbashi, ein Spezialist für internationale Organisationen, in drei Sprachen fließend parlierend, stand für zwei Jahre im Rampenlicht. Im März 2009 hatte er sogar turnusmäßig den Vorsitz des 15-Staaten-Gremiums inne. Ein Mann im Nadelstreif, der biedere, professionelle Kontrast zu Gaddafis exzentrischen Wüstenroben.

Heute führt der Chargé d'Affaires eine überraschende Diplomatenrevolte an, vor laufenden Kameras und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Die Uno müsse Sanktionen gegen sein Land beschließen, verlangt er: Als Erstes müsse eine Flugverbotszone eingerichtet werden, um den Waffennachschub für das Regime einzuschränken. Außerdem dürften afrikanische Nationen keine Söldner mehr schicken, um den Aufstand niederzuschlagen.

Dabbashi steht nicht allein. Die libyschen Botschafter in Indien, Bangladesch, Polen und bei der Arabischen Liga in Kairo sollen sich ebenfalls gegen Gaddafi gewandt haben. In der libyschen Botschaft in Wien ist man noch nicht so weit: Zumindest will man dort keinen Kommentar abgeben, aber auch keinen, der die Geschehnisse in Libyen rechtfertigt.

In New York meutert hingegen fast die komplette UN-Vertretung, bis auf einen, Ex-Außenminister Abdulrahman Mohammed Shalgham, der die Mission seit knapp zwei Jahren leitet. Auch Ali Aujali, Libyens Mann in Washington, hat sich den Rebellen angeschlossen. Er stehe kurz vor der Pensionierung und wolle am Ende seiner Karriere nicht für eine Regierung arbeiten, die ihr eigenes Volk töte, begründet er seinen Schritt. "Ich kann es nicht verstehen. Ich kann nicht mehr leben mit dem, was ich gesehen habe. Es gibt keine andere Lösung: Gaddafi muss abtreten." Der denkt jedoch gar nicht daran. (Frank Hermann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 23. 2. 2011)