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So lukullisch wie der Koch (Julien Faure) hier tut, ist die Sache nicht: Er präsentiert am Silbertablett die Henkersmahlzeit für den Suizid-Showgast bei "Die Kunst der Unterhaltung"

Foto: AP/dpad

Wien - "Why is six afraid of seven? Because seven eight (ate!) nine." Solch kleine, perfekte Minidramaturgien des Witzeerzählens verwendet die Needcompany von Jan Lauwers, um sie in ihrer Uraufführung am Akademietheater, Die Kunst der Unterhaltung, zu hinterfragen und letztlich zu brechen.

Einerseits erweist Lauwers den populären Inhalten und Formen des Entertainments die Reverenz, indem etwa ein Mann namens James Brown (Misha Downey) auf der Showtreppe eine Kette von Witzen loslässt. Andererseits läuft der belgische Regisseur und Choreograf den Mechanismen der Gefallkunst auf vielen Ebenen absichtlich zuwider.

Die Zielvorgabe oder die scheinbare Notwendigkeit des Applauses bei der Aufführung von Bühnenwerken bzw. in der direkten Kommunikation mit dem Publikum scheinen Lauwers suspekt. Und deshalb wird dem Publikum im Akademietheater die Möglichkeit zum Applaus oft und oft entzogen. Ein perfekt geplanter Witz-Totalschaden ist etwa Viviane De Muyncks häppchenweise vorangetriebener Gag ("Treffen sich Hitler und der belgische König Leopold in der Hölle ..."), der unter Aufbietung präziser Störaktionen irgendwann ganz verebbt. Slapsticknummern treten nur als die schlechte Kopie ihrer selbst in Erscheinung, etwa ein doofes Kaffeehäferl-Katapult oder ein von metallenen Gerätschaften vollgetürmter Küchenwagen, der dann und wann extra umständlich gerammt wird.

Jan Lauwers und seine Needcompany (in Wien vor allem bekannt durch den Erfolgsklassiker Isabella's Room bei Impulstanz) sind in der Spielzeit 2009/10 mit Matthias Hartmann als Artists in Residence ans Burgtheater gezogen. Die Kunst der Unterhaltung: Needcompany spielt den Tod von Michael König ist nun die erste hier entwickelte Produktion, in der die genuin unterschiedlichen Arbeitsprinzipien - hochdotierter Repertoirebetrieb versus langfristiges Work-in-progress - aufeinandertreffen.

Die Geschichte: Ein alternder Schauspieler (Burgmime Michael König) mit Namen Saul J. Waner, ein Anagramm von Jan Lauwers (Mann!), begibt sich in eine Fernsehshow, um live Selbstmord zu begehen. Der quotenträchtige Abgang auf, neben und vor einer Showtreppe und unter den großen, bunten Lettern "The Art Of Entertainment" (Bühne: Lauwers) wird begleitet von einem Koch namens Mr. Duchamp (Julien Faure), von der Ex-Geliebten des Schauspielers (Grace Ellen Barkey), vom Arzt Dr. Joy, der die Todesspritzen arrangiert (Benoît Gob), der Moderatorin im roten Schleppenkleid (Sylvie Rohrer) und wird dirigiert von der Gastgeberin Liliane Van Muynck (Viviane De Muynck).

Der schönste Gedanke dieser an der Unterhaltungskunst und ihren Mechanismen ein wenig unsachgemäß und schief vorbeikritisierenden Idee ist die Inszenierung der Kamera: Über dem kleinen, aus den hinteren Reihen kaum sichtbaren Ding schwebt mit Gummiband verbunden ein goldener Glitzerbaldachin. Lauwers zeigt die Kamera als Insignie des postdramatischen Theaters, führt sie aber ad absurdum, indem er die dazugehörigen Monitore lachhaft klein ausfallen lässt.

Wenn vom "Höhepunkt der Sendung" gesprochen wird, darf das ebenfalls als Witz gelten, und man hat während der eindreiviertel Stunden auch keine Mühe, die Antidramaturgien der Unterhaltung zu erkennen. Leider mit der Folge, dass es dabei auch weitgehend langweilig bleibt. Das Amalgam aus halbherzigen Fernsehballetteinlagen und durchaus nett ausfransenden Szenen hat nicht dazu gereicht, den Theatertod als möglichen Treppenwitz der Kunstgeschichte in Szene zu setzen (und um nichts weniger als eine gesamtkunstgeschichtliche Aussage geht es Jan Lauwers hier).

Mit dem Unterhaltungsthema beschäftigt sich Lauwers äquivalent auch in bildnerischer Form. Eine Auswahl dieser Werke zeigt die Charim-Galerie bis 2. April in The Entertainer's Private Room. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 3. 2011)